In Zeiten von Handelskriegen und anderen geopolitischen Unsicherheiten gewinnen De-Risking-Strategien an Bedeutung. Unternehmen weltweit suchen nach neuen Partnern und Märkten. Afrika rückt dabei als wachstumsstarke Region stärker in den Fokus, wie das aktuelle C-Suite-Barometer von Forvis Mazars zeigt. Für Deutschland allerdings zeichnet die Befragung ein anderes Bild: Hiesige Top-Führungskräfte haben den Kontinent kaum im Blick. Bei ihren Expansionsplänen orientieren sie sich vor allem an etablierten Zielmärkten wie Frankreich, Österreich oder China.
„Ein Grund dafür ist sicherlich, dass stark exportorientierte Branchen wie die Automobil-, Maschinenbau- oder Chemieindustrie in Afrika keine großen, homogenen Abnehmermärkte finden“, sagt DIHK-Experte Heiko Schwiderowski. Die Bereitschaft, sich auf kleine und fragmentierte Märkte in 54 einzelnen Staaten einzulassen, fehle vielfach. Zudem werde Afrika in Deutschland noch immer vor allem mit Krisen und politischer Instabilität assoziiert. Ein Bild, das in dieser Pauschalität nicht zutreffe – und das den Blick auf Entwicklungen verstelle, die den Kontinent für Unternehmen strategisch relevant machen.
Drei Faktoren sprechen aus Expertensicht dafür, Afrika stärker in den Blick zu nehmen:
- Ein zentraler Treiber ist der technologische Wandel. In vielen afrikanischen Hauptstädten entstehen digitale Ökosysteme, Start-up-Zentren und neue Dienstleistungsmodelle, teils auf international wettbewerbsfähigem Niveau. „Länder wie Südafrika und Kenia, aber auch einige nordafrikanische Staaten, haben bei technischen Standards enorme Entwicklungssprünge gemacht“, sagt Schwiderowski. Dabei geht es nicht nur um mobile Zahlungssysteme oder digitale Verwaltungsangebote, sondern auch um neue Ansätze in Logistik, Energieversorgung und Finanzdienstleistungen.
- Parallel dazu wächst rund um diese Metropolen die Nachfrage – nicht nur nach Konsumgütern und Dienstleistungen, sondern auch nach Infrastruktur, Energie und Industrieausrüstung. Zwar ist der klassische Mittelstand in vielen Ländern noch schwach ausgeprägt, doch gerade in und um Hauptstädte entstehen laut Schwiderowski wirtschaftliche Cluster mit steigender Kaufkraft. „Es finden sich eine ganze Reihe solcher Zentren, die für deutsche Unternehmen durchaus relevant sind“, sagt er.
- Strategisch besonders bedeutsam ist zudem die Afrikanische Freihandelszone (African Continental Free Trade Area, AfCFTA). 48 der 54 afrikanischen Staaten haben das Abkommen, das die Fragmentierung der Märkte überwinden soll, bereits unterzeichnet und ratifiziert. „Mit AfCFTA wird Skalierung möglich“, erklärt Anoop Ninan, Chairman des African Regional Committee von Forvis Mazars. Internationale Unternehmen sollten Afrika als „Konstellation schnell wachsender regionaler Hubs“ betrachten. Die empfohlene Strategie: sich in einem geeigneten Gateway-Staat etablieren, Angebote an lokale Bedürfnisse anpassen – und anschließend in benachbarte Märkte expandieren.
Besondere Chancen in einzelnen Ländern
Doch welche Länder sind für deutsche Unternehmen attraktiv? „Südafrika ist wirtschaftlich und politisch ein Hegemon auf dem Kontinent – und wird das auch bleiben“, sagt Schwiderowski. Als Mitglied des BRICS-Verbundes aufstrebender Volkswirtschaften und des G20-Forums der größten Industrie- und Schwellenländer verfügt der Staat über vergleichsweise moderne Infrastruktur. Für viele Unternehmen fungiert er bereits als Steuerungs- und Ankerstandort, um weitere Regionen zu erschließen.
Auch die Elfenbeinküste rückt zunehmend in den Fokus. Schwiderowski beobachtet dort Industrialisierungstendenzen weit über die Wirtschaftsmetropole Abidjan hinaus. Zana Koné, Country Leader von Forvis Mazars in Côte d’Ivoire, teilt diese Einschätzung: „Das Land verbindet stabiles Wachstum mit einer diversifizierten Wirtschaft und modernisierter Infrastruktur.“ Hinzu komme ein vergleichsweise verlässlicher rechtlicher Rahmen. Dadurch habe sich die Elfenbeinküste zu einem natürlichen Eintrittspunkt für Unternehmen entwickelt, die Westafrika erschließen wollen.
Als weitere „Erfolgsgeschichte“ nennt Schwiderowski Marokko. Das Land modernisiere sich in hohem Tempo und positioniere sich strategisch zwischen Europa, dem arabischen Raum und Afrika. Besonders die Logistik spielt dabei eine zentrale Rolle: „Der Hafen in Tanger hat sich zu einem leistungsfähigen Drehkreuz im internationalen Warenverkehr entwickelt“, sagt Schwiderowski. Für deutsche und europäische Unternehmen sei Marokko damit ein idealer Brückenkopf zwischen der EU und afrikanischen Märkten.
Handeln trotz bleibender Hürden
Ungeachtet dieser Perspektiven bleibt der Markteintritt anspruchsvoll. Zu den Herausforderungen zählen komplexe regulatorische Rahmenbedingungen sowie Arbeitsmärkte mit großem informellem Sektor – Beschäftigungsverhältnisse, die weder offiziell registriert noch rechtlich abgesichert sind. Hinzu kommt der Fachkräftemangel: In vielen Regionen konkurrieren internationale Unternehmen um einen begrenzten Pool qualifizierter Arbeitskräfte.
Doch wer aus diesen Gründen zögert, riskiert, den Anschluss zu verlieren. Länder wie die Türkei, Indien, China oder Staaten aus dem arabischen Raum agierten pragmatisch und mit klaren Roadmaps, beobachtet Schwiderowski. Für Abdou Souleye Diop, Country Leader in Marokko und Mitglied des Group Executive Committee von Forvis Mazars, ist dies der richtige Weg: „Der Erfolg gehört nicht länger den vorsichtigen Beobachtern, sondern jenen, die fähig sind, das traditionelle Exportmodell zu überwinden, um widerstandsfähige Wertschöpfungsketten aufzubauen“, betont er.
Gerade deutschen Unternehmen eröffne der Wandel in Afrika eine historische Chance, ist Diop überzeugt. Denn sie könnten die Stärke des hiesigen Mittelstands mit dem industriellen Aufbruch des afrikanischen Kontinents verbinden. Damit das gelingt und mehr Firmen den Schritt nach Afrika wagen, müsse das Engagement allerdings stärker politisch flankiert werden, sagt DIHK-Experte Schwiderowski.
„Als ersten Schritt braucht es eine klar formulierte Afrika-Strategie, wie sie Schwarz-Rot im Koalitionsvertrag angekündigt hat“, erklärt er. Ziel müsse ein partnerschaftlicher Ansatz sein, der wirtschaftliche Zusammenarbeit in beide Richtungen erleichtert. Sein Fazit: „Afrika ist kein einfacher Markt, aber ein chancenreicher.“ Der Kontinent gehöre daher auf die Agenda deutscher Unternehmen – nicht als kurzfristige Wette, sondern als strategische Option in einer Welt wachsender Unsicherheiten.
Afrika in Zahlen
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ca. 1,58 Mrd.Bevölkerung
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~ 30,37 Mio. km²Fläche
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3,32 Bill. $Bruttoinlandsprodukt
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4BIP-Wachstum (Prognose für Subsahara-Afrika)
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725,7 Mrd. $Warenimporte
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626,95 Mrd. $Warenexporte
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-98,75 Mrd. $Handelsbilanz (Defizit)
Quellen: UN, IMF, WTO, Statista