Prof. Schnitzer: Wir dürfen uns nicht zurücklehnen

Nach einer langen Durststrecke hat die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr die Aussicht, endlich wieder zu wachsen. Für Prof. Dr. Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, ist das aber kein Grund, sich kollektiv zurückzulehnen. Im Interview mit dem Board Briefing erklärt sie, welche Stellschrauben sie sieht, um den Reformstau anzugehen und die Strukturkrise nachhaltig zu überwinden.

Frau Prof. Schnitzer, der Sachverständigenrat sagt für dieses Jahr ein moderates Wachstum von 0,9 % voraus. Eine Umfrage des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Forvis Mazars unter 200 Top-Führungskräften in Deutschland zeigt ein ähnlich positives Bild. Sehen wir eine Trendwende?

Schnitzer: Viele Stimmungsbarometer zeigten lange Zeit nur nach unten. Jetzt sehen wir allmählich eine Aufhellung, und auch aus der Wirtschaft kommen erste gute Nachrichten – etwa zur Auftragslage. Von einer Trendwende zu sprechen, wäre aber verfrüht. Die Verhältnisse in Deutschland und weltweit haben sich so stark verändert, dass unsere Wirtschaft ganz andere Herausforderungen zu stemmen hat, als nur wieder ein bisschen in Schwung zu kommen. Die Krise ist strukturell, nicht konjunkturell.

Welche Herausforderungen meinen Sie?

Hohe Energie- und Arbeitskosten, die demografische Entwicklung in unserem Land und die Finanzprobleme unserer Sozialsysteme – nur um die wichtigsten zu nennen. Ein deutlich kleinerer Teil der Bevölkerung wird zukünftig arbeiten und als Beschäftigte einen wachsenden Teil der Gesellschaft mitversorgen müssen: sei es über die Rente, Kranken- oder Pflegeleistungen. Das allein zeigt schon: Wir brauchen dauerhaft tragfähiges Wachstum. Dazu kommt, dass wir uns weltpolitisch behaupten müssen. Auch das gelingt nur mit einer starken Wirtschaft. Gerade deshalb ist es mir so wichtig, dass wir Innovationen und eine technologische Erneuerung vorantreiben.

Die deutsche Wirtschaft steckt seit drei Jahren in einer Rezessions- beziehungsweise Stagnationsphase. Investitionen aus dem Sondervermögen für Infrastruktur, das der Bundestag beschlossen hat, sollen nun die Konjunktur anschieben. Reicht das?

Aus meiner Sicht war es richtig, die Schuldenbremse zu reformieren. Allerdings waren wir im Sachverständigenrat etwas ernüchtert, als wir uns angeschaut haben, wofür das Geld genau verplant wird. Das ist nicht so zielgerichtet, wie wir uns das wünschen würden. Daher erwarten wir auch, dass der Wachstumseffekt nicht so hoch ausfällt, wie er ausfallen könnte. Unabhängig davon ist jetzt entscheidend, dass das Geld schnell in die Umsetzung kommt, um zukünftiges Wachstum zu fördern. Dafür müssen Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich verkürzt werden. Dass das funktioniert, haben wir beim Bau von Flüssiggas-Terminals in der Gaskrise gesehen. Dieses Tempo muss jetzt zum Normalzustand werden. Dafür müssen Einspruchsverfahren gebündelt und verschlankt, Prioritäten angepasst werden. Zur Effizienzsteigerung gehört auch Digitalisierung, die den Staat insgesamt schlagkräftiger macht. Ein handlungsfähiger Staat ist oberstes Ziel bei den Reformen, die anstehen.

Foto: Sachverständigenrat

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Viele Reformideen drehen sich primär um Lockerungen – zum Beispiel beim Thema Arbeitszeit. Dazu gibt es viele Vorschläge: einen Feiertag abschaffen, eine Stunde in der Woche mehr arbeiten, die Wochenarbeitszeit flexibilisieren. Was halten Sie davon?

Nicht alles ist zielführend. In der Tat schöpfen wir das Potenzial des Arbeitsmarktes nicht optimal aus. Das liegt aber vor allem daran, dass viele Menschen in Teilzeit arbeiten. Dies hat im Wesentlichen drei Gründe, und keiner davon hat mit „Lifestyle“ zu tun: erstens fehlende Kinderbetreuungs- und Pflegemöglichkeiten, zweitens ein Steuersystem, das es nicht attraktiv macht, wenn beide Ehepartner voll arbeiten – Stichwort Ehegattensplitting –, und drittens allgemeine Einkommenssteigerungen. Wenn Menschen wohlhabender werden, reduzieren manche ihre Arbeitsstunden. An diesen Punkten sollten wir ansetzen: Vollzeitarbeit muss für alle möglich sein – und sich auch lohnen.

Also keinen Feiertag streichen?

Doch – aber mit dem Ziel, die Arbeitskosten zu senken. Hier sehe ich die Abschaffung eines Feiertags als erfolgversprechende Option. Der Schritt wäre zudem ein gutes Signal: Okay, wir haben verstanden – jetzt müssen wir uns alle mal ein bisschen reinhängen. Und man muss hinzufügen: Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern relativ viele Feiertage.

Arbeitszeit ist das eine. Eine andere Frage lautet: Ist die Arbeit auch produktiv genug?

Da hapert es in der Tat – auch, weil wir zu wenig in Produktivitätssteigerung investieren. Nehmen wir etwa die Digitalisierung: Da sind wir im Vergleich zu anderen Ländern noch immer im Rückstand. Wir sehen das massiv in der öffentlichen Verwaltung, aber auch in den Unternehmen. Gerade im Mittelstand werden nach wie vor nicht alle Möglichkeiten digitaler Technologien genutzt – zum Teil aus Unkenntnis. Manche Verantwortliche wissen nicht, dass es inzwischen durchaus einfache und sichere Lösungen gibt, die sich schnell skalieren lassen.

In Deutschland sinken seit Jahren die privaten Investitionen. Wie lässt sich diese Abwärtsspirale stoppen – dadurch, dass die Regierung Probleme angeht und Vertrauen zurückgewinnt? Oder entsteht politischer Handlungsspielraum erst, wenn Unternehmen wieder investieren?

Beides bedingt sich wechselseitig. Solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen, werden die Privaten nicht investieren. Dann stagniert auch die Nachfrage, und wir erleben ökonomischen Stillstand – wie in den vergangenen Jahren. Gleichzeitig hat in dieser Zeit ein Strukturwandel eingesetzt, den wir nicht hinreichend im Blick hatten. Viele Unternehmen waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt und haben unterschätzt, dass zum Beispiel China seine Elektroautos und Speichertechnologien perfektioniert hat. Deswegen stockt jetzt der Absatz – und wenn Kapazitäten nicht ausgelastet sind, sinken die Investitionen in neue Kapazitäten.

Wie lässt sich die Wechselwirkung aufbrechen?

Ich nenne als Beispiel die Baubranche. Wenn durch das Sondervermögen die staatliche Nachfrage nach Bauinvestitionen für die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre tatsächlich stabil gehalten wird, haben die Unternehmen in diesem Bereich einen größeren Anreiz zu investieren und ihre Kapazitäten auszubauen. Insofern ist die Verlässlichkeit des Staates als Kunde ein wichtiger Konjunkturimpuls, der den Unternehmen hilft, den Anschluss nicht zu verpassen. Aber das darf nicht dazu führen, dass sie zögern, sich dem Wandel zu stellen.

Die bereits erwähnte Umfrage, an der weltweit über 3.000 Top-Entscheider*innen teilgenommen haben, kommt zu dem Ergebnis, dass mehr Agilität innerhalb der Unternehmen entscheidend ist, um den zunehmend unsicheren Rahmenbedingungen in der Weltwirtschaft zu begegnen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Unbedingt. Neben der Verschlankung von Strukturen ist das ein Weg, resilienter zu werden. Dieses Out-of-the-Box-Denken und Ausprobieren neuer Geschäftsmodelle – das passiert in Deutschland zu wenig. Stichwort Digitalisierung: Da bleibt viel Potenzial liegen, weil Unternehmen ihre Prozesse, die sie bislang zum Beispiel auf Papier hatten, eins zu eins digitalisiert haben – ohne zu überlegen, wie man die Technologie besser nutzen kann. Diesen Denkfehler beim Thema KI nicht zu wiederholen, wird entscheidend sein: Wie setzt man Prozesse wirklich neu auf, um sie effizient zu machen – um daraus dann Geschäftsmodelle zu entwickeln? Damit sind wir wieder beim Innovationsproblem. Wenn ich ein funktionierendes Geschäftsmodell habe, habe ich kein besonders großes Interesse, mich selbst zu kannibalisieren – mit einem Modell, das das bisherige ersetzt. Die hiesige Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel. Die Premium-Hersteller zum Beispiel müssten mehr als bisher überlegen, künftig mit ganz anderen Produkten und Services Geld zu verdienen als nur mit Autos, die sie auf die Straße schicken. Die Daten, die dabei entstehen, nutzen sonst andere.

Vor dem Hintergrund vieler Krisenherde und geopolitischer Unsicherheiten: Müssen auch wir als Volkswirtschaft resilienter und agiler werden?

Absolut – wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Wir müssen Krisensituationen, mit denen wir rechnen müssen, regelmäßig durchspielen, planen und trainieren. Beim Stromausfall in Berlin haben wir kürzlich erlebt, wie ungeschützt auch unsere kritische Infrastruktur oftmals ist. Daraus ergeben sich Bedrohungen, die nicht kleiner werden. Es hilft nichts: Wir müssen Management und Prävention elementarer Krisen systematisch vorbereiten.

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