So verändert ein steigender Kostendruck die ganze Versicherungsbranche

Die Ergebnisse des aktuellen C‑Suite-Barometers von Forvis Mazars zeigen eine Versicherungsbranche im Umbruch. Unternehmen rücken Effizienzsteigerungen und Skaleneffekte zunehmend in den Fokus, da strukturelle Kostenbelastungen spürbar zunehmen.

Der Handlungsdruck ist in dieser Hinsicht hoch, denn der ganze Versicherungssektor steht an einem Scheideweg. Hohe Kosten für die digitale Transformation und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) treffen auf wachsende regulatorische und Compliance-Anforderungen. Insbesondere kleine und mittelgroße Versicherungsunternehmen stoßen an ihre Grenzen, wenn sie diesen Wandel aus eigener Kraft bewältigen müssen.

Hinzu kommen wirtschaftliche Einschränkungen und politische Spannungen, die zu einem volatileren Marktumfeld führen. Wachstum aufrechtzuerhalten, ohne zusätzlichen Preisdruck auf Kund*innen auszuüben, wird dadurch immer schwieriger. Effizienzgewinne werden zum zentralen Hebel, um steigende Kosten zu kompensieren.

Die vielfältigen Herausforderungen gezielt adressieren

Trotz dieser Herausforderungen bleibt der Optimismus hoch: 95 % der Top-Führungskräfte erwarten weiteres Wachstum. Gleichzeitig berichten zwar 80 % der Unternehmen über steigende Jahresumsätze. Seit 2024 ist diese Zahl jedoch rückläufig, wie das C‑Suite-Barometer zeigt. Wachstumserwartungen und Umsatzentwicklungen unterscheiden sich deutlich und spiegeln eine stark fragmentierte Versicherungslandschaft wider, in der operative Rahmenbedingungen je nach Versicherertyp und Marktreife erheblich variieren.

So sind beispielsweise europäische Versicherungsmärkte weitgehend gesättigt, während viele asiatische Märkte weiterhin stark wachsen. Um mit Kostendruck umzugehen, müssen Versicherer daher einen maßgeschneiderten Ansatz verfolgen, der konkrete Wachstums- und Ertragspotenziale sowohl lokal als auch international identifiziert.

KI verantwortungsvoll einsetzen

Die Transformation der Unternehmens-IT und die Implementierung von KI zählen laut der aktuellen Umfrage zu den wichtigsten strategischen und geplanten Investitionsschwerpunkten der C-Suite. KI ermöglicht es Versicherungsunternehmen, Datenverarbeitungsprozesse zu automatisieren, Fehler zu reduzieren und Abläufe zu beschleunigen – insbesondere in Kernbereichen wie Schadensbearbeitung oder Rückversicherungsmanagement. So kann KI große Datenmengen analysieren, Muster erkennen, Kund*innen proaktiv ansprechen und personalisierte Services ermöglichen. Sie unterstützt zudem die Risikobewertung, verbessert Versicherungsergebnisse und trägt dazu bei, Häufigkeit und Kosten der Schadensbearbeitung zu reduzieren.

Laut Bericht schätzen Top-Führungskräfte an KI die genaueren Prognosen und die datenbasierte Entscheidungsfindung, die einen Wettbewerbsvorteil schaffen. Für Versicherer mit überholten IT-Strukturen bietet der Einsatz von generativer KI (GenAI) und maschinellem Lernen zudem Vorteile bei der Systemmodernisierung, da sich Migrationen effizienter gestalten und Zeit- sowie Kostenaufwände reduzieren lassen.

Marc Böhlhoff

„Datensicherheit bleibt ein zentrales Risiko, wenn Versicherungsunternehmen das Potenzial von KI skalieren wollen. Ein ganzheitliches Verständnis der Auswirkungen von KI auf sämtliche Geschäftsbereiche sowie klar definierte Verantwortlichkeiten und Standards helfen, Risiken in einem sich wandelnden Umfeld zu begrenzen.“

Marc Böhlhoff Partner, Forvis Mazars in Germany

Datensicherheit ist dabei ein ausschlaggebender Erfolgsfaktor: 41 % der Top-Führungskräfte bezeichnen sie als wesentlich für ihre technologische Transformation. Für 63 % der Befragten sind eine verantwortungsvolle KI-Nutzung und Compliance ein strategisches Muss, 22 % priorisieren entsprechende Investitionen. Zentrale Maßnahmen, um KI verantwortungsvoll zu verankern, sind der Aufbau von Vertrauen und die Reduzierung von Risiken. Dazu gehört die Schulung von Mitarbeiter*innen, um die Auswirkungen von KI im gesamten Unternehmen zu verstehen, sowie klare Governance-Strukturen zu etablieren. Ein strukturierter, schrittweiser Ansatz – mit ausreichenden Fähigkeiten, Budgets und klar definierten Use Cases – hilft, Risiken zu minimieren. Für kleine und mittelgroße Versicherer sind Partnerschaften entscheidend, um Kapazitäts- und Kostenbelastungen zu reduzieren.

Strategische Vorteile von M&A nutzen

In Europa ist M&A gerade für große, nicht börsennotierte Versicherungen, die auf Diversifikation setzen, attraktiv. Dazu zählen etwa Sachversicherer, die Lebensversicherungsgesellschaften übernehmen. Auch das Interesse an spezialisierten Technologieanbietern und Start-ups mit einzigartigen Plattformen wächst.

Steigende Bewertungen erfordern jedoch ein proaktives Vorgehen. Der Erfolg von M&A hängt zunehmend davon ab, frühzeitig Unternehmen zu identifizieren, die gezielt technologische Lücken schließen können. Für kleine und mittelgroße Versicherer bieten sich außerdem Partnerschaften mit vergleichbaren Marktteilnehmern in nicht geschäftskritischen Bereichen an. Zum Beispiel etwa, um Backoffice- sowie Vertriebsprozesse zu optimieren oder kostenintensive IT-Systeme zu erneuern – und dadurch schneller wie auch effizienter skalieren zu können.

Grenzüberschreitende Geschäftsmöglichkeiten prüfen

Internationale Märkte eröffnen global tätigen Versicherungsgruppen zusätzliche Wachstumsperspektiven. Neun von zehn Befragten planen laut Bericht eine Expansion ins Ausland. Zu den größten Herausforderungen zählen, lokale regulatorische Vorgaben einzuhalten sowie mit Handels- und Zollkosten umzugehen.

„Increasingly, international expansion plans require active navigation of complex local regulations and emerging, cross-jurisdictional tax frameworks to ensure transactional success.“

Maxime Simoen Partner, Forvis Mazars in France

Die Komplexität des Versicherungssektors verlangt jedoch eine umfassendere Betrachtung. Erfahrungen von Versicherern, die in den frühen 2000er-Jahren in afrikanische Märkte expandiert haben, zeigen, dass starke Wachstumsprognosen, eine wachsende Mittelschicht oder niedrige Marktdurchdringung allein noch keine verlässlichen Erfolgsfaktoren sind. Entscheidend ist darüber hinaus, die inhärenten Risiken zu berücksichtigen – etwa durch klimabedingte Extremereignisse, Cyberbedrohungen oder geopolitische Spannungen – sowie der Abhängigkeit von staatlicher Marktregulierung und steuerlichen Rahmenbedingungen.

Wie sieht die Zukunft aus?

Die Ergebnisse des aktuellen C‑Suite-Barometers verdeutlichen, dass die Herausforderungen für die Versicherungsbranche zunehmen. In den kommenden Jahren dürfte sich der Markt daher konsolidieren, da Unternehmen verstärkt nach Partnern suchen, um fachliche und operative Lücken zu schließen. Kostendruck, regulatorische und Compliance-Anforderungen, geopolitische Unsicherheit sowie häufigere und umfangreichere klimabedingte Schadensfälle bleiben zentrale Themen. Diese erfordern von Versicherungsunternehmen, ihre Strategien zu überdenken und einen proaktiveren Ansatz zu verfolgen, um bestehende und neu auftretende bedarfsbezogene Risiken erfolgreich anzugehen.

Unter diesen Gesichtspunkten sind der technologische Wandel und der Einsatz von KI mittlerweile geschäftskritisch. In einem Markt mit weitgehend vergleichbaren Angeboten entscheidet die Fähigkeit, Versicherungsprodukte mithilfe technologiegestützter Anwendungen zu entwickeln, zu verwalten und zu vertreiben, zunehmend über den Markterfolg. Andernfalls laufen Anbieter Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Mit dem Übergang in eine neue, technologisch geprägte Zeit müssen Marktakteure zeigen, wie sie durch den Einsatz von KI einen Mehrwert schaffen, um Kund*innen vorausschauend über das gesamte Spektrum der Versicherungsprodukte hinweg zu unterstützen und zu begleiten. Unternehmen, die den Ansatz „Protect Customers First“ verfolgen und Produkte personalisieren, können so nicht nur ihre Kundenbeziehungen verbessern, sondern auch einen Wettbewerbsvorteil für die Zukunft erlangen.

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