Globale Standards, europäische Regeln – der Spagat zwischen ISSB und ESRS

Während Europa mit der Omnibus-Initiative Nachhaltigkeitsberichtspflichten zurückdreht, wächst weltweit die Bedeutung der ISSB-Standards. Viele internationale Unternehmen stehen dadurch in einem neuen Spannungsfeld zwischen nationalen Verpflichtungen innerhalb der EU und steigenden Transparenzanforderungen aus nationalen Nachhaltigkeitsberichtspflichten außerhalb der EU. Erfahren Sie, worauf Unternehmen achten sollten, um ihre Governance- und Steuerungsprozesse optimal auf eine fragmentierte Reportinglandschaft abzustimmen.

Nachhaltigkeitsreporting global denken

Innerhalb der EU ist für viele große Unternehmen zunehmend klar, was die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) für sie bedeuten. Die Vorbereitungen für die Umsetzung laufen meist seit mehreren Jahren oder es wurden bereits wiederholt CSRD-Reports erstellt. Immer häufiger aber müssen Unternehmen in außereuropäischen Ländern wie der Türkei, Australien, Brasilien, Kanada oder Singapur nach den Standards des International Sustainability Standards Board (ISSB) der IFRS berichten. In der Praxis kann sich daraus die Situation ergeben, dass Sustainability Reporting-Abteilungen in Deutschland nur sehr begrenzt an der Erstellung und Prüfung regionaler Berichte beteiligt sind, die zudem nach einem anderen Standard erstellt wurden.

Insbesondere durch die Offenlegung von Climate-Related Financial Impacts im Rahmen des IFRS S2 führt das zu Herausforderungen und potenziellen Konflikten, wenn u. a. finanzielle Risiken und Chancen in monetäre Werte übersetzt werden, das Vorgehen aber nicht mit der Muttergesellschaft in Deutschland oder Europa abgestimmt ist. Zum Beispiel können sich dabei kursrelevante Informationen zu hohen finanziellen Klimawandelrisiken ergeben, die Ad-hoc-Meldungen nötig machen, oder zumindest eine Einordnung neuer ESG-Risiken in das Enterprise Risk Management erfordern.

Internationale und europäische Standards sowie ihre Systematik

Damit Unternehmen ihre Prozesse optimal auf die beiden Standards abstimmen können, ist es hilfreich, zu verstehen, was die beiden Regelwerke gemeinsam haben und worin die Unterschiede bestehen.

Die ISSB-Vorgaben und die ESRS verbindet das Ziel, Transparenz zu schaffen, Vergleichbarkeit zu ermöglichen und Nachhaltigkeit stärker in unternehmerische Entscheidungen zu integrieren. Gleichzeitig setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte. Die ESRS, die im Rahmen der CSRD gelten, beruhen auf dem Prinzip der doppelten Wesentlichkeit. Sie betrachten sowohl finanzielle Risiken und Chancen als auch die Auswirkungen unternehmerischen Handelns auf Umwelt und Gesellschaft.

Die ISSB‑Vorgaben sind dagegen stärker kapitalmarktorientiert und global ausgerichtet. Sie wurden vom International Sustainability Standards Board entwickelt, einem Gremium innerhalb der IFRS Foundation. Dieses Gremium hat bislang zwei Standards gesetzt: IFRS S1 (allgemeine nachhaltigkeitsbezogene Finanzinformationen) und IFRS S2 (klimabezogene Angaben). Für Unternehmen gilt: Solange noch kein eigener IFRS‑Standard vorliegt, können sie freiwillig und orientiert an eigenen Schwerpunkten auf Rahmenwerke wie SASB oder GRI zurückgreifen.

Gemeinsame Zielsetzung, unterschiedliche Herangehensweisen

Das ISSB-Konzept ermöglicht es auf diese Weise, schrittweise vorzugehen: Zunächst können Unternehmen die zentralen Themen – insbesondere Klima und übergreifende Steuerungsfragen – angehen. Weitere Bereiche lassen sich dann nach und nach hinzunehmen. Dieses Konzept reduziert Einstiegshürden und unterstützt realistische Lernkurven, sowohl inhaltlich als auch in der Organisation von Reporting- und Steuerungsprozessen.

Die ESRS verfolgen demgegenüber einen umfassenderen Ansatz schon von Beginn an. Thematisch breit gefächerte Vorgaben nehmen zahlreiche Nachhaltigkeitsaspekte gleichzeitig in den Blick. Das ermöglicht Unternehmen zwar ein vollständiges Bild ihrer Handlungsfelder, erhöht aber auch die Komplexität der ersten Umsetzungsphase.

Fokus wahren trotz Komplexität

Sich mit vielen Detailanforderungen zu beschäftigen, kann allerdings interne Diskussionen stark befördern. Gerade hier liegt eine zentrale Herausforderung der ESRS: den Fokus auf die wesentlichen Transformationshebel des Unternehmens zu richten, ohne sich in Einzelthemen zu verlieren.

Dabei ist wichtig zu betonen: Auch die ESRS verlangen nicht, dass Unternehmen zu allen wesentlichen Themen ausgereifte Strategien und Maßnahmen vorweisen. Sie ermöglichen ausdrücklich, zunächst transparent über den Status quo zu berichten und Steuerungsprozesse schrittweise weiterzuentwickeln.

Lernkurven bewusst gestalten

Die Logiken beider Systeme sind in der Praxis damit gar nicht so verschieden. Ein sinnvoller Ansatz ist, zentrale Themen – etwa Klimaschutz – frühzeitig mit klaren Verantwortlichkeiten, Prozessen und Kennzahlen zu unterlegen und bei weiteren wesentlichen Themen zunächst den bestehenden Reifegrad offenzulegen. So lassen sich Lernkurven gestalten, die Akzeptanz fördern und zugleich die Voraussetzungen für ein belastbares globales Nachhaltigkeitsmanagement schaffen.

Nachhaltigkeitsreporting als langfristige Aufgabe

Die parallelen Entwicklungen rund um die ESRS und ISSB unterstreichen die wachsende Notwendigkeit, das Thema Nachhaltigkeitsreporting weltweit abgestimmt zu steuern. Dafür braucht es zentrale Governance‑Strukturen, um die spezifischen Herausforderungen der international fragmentierten Berichterstattung zu homogenisieren, Risiken zu minimieren und Synergien zu heben. Gleichzeitig lassen sich die jeweiligen Stärken der beiden Standards strategisch nutzen. Durch die doppelte Wesentlichkeit können Unternehmen negative Auswirkungen früher erkennen – und strategisch teure blinde Flecken vermeiden. Ein schrittweiser, priorisierter Start und die kontinuierliche Weiterentwicklung der globalen Reporting-Strukturen über mehrere Jahre hinweg ermöglichen es, die Nachhaltigkeitsberichterstattung als das fest zu etablieren, was sie sein sollte: ein starkes Instrument, um eine verantwortungsvolle Unternehmensführung und langfristiges Wachstum zu unterstützen.

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