Energieversorgung: Diversifikation wird zur Pflicht
Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs sind die Preise für Benzin, vor allem aber für Dieselkraftstoff gestiegen. Die Folgen davon bekommen neben Autofahrer*innen bislang vor allem Branchen wie die Logistik zu spüren. Die Verantwortlichen energieintensiver Industriebetriebe beobachten auch die Entwicklung der Gas- und Strompreise mit Sorge. Bei vielen weckt die aktuelle Situation Erinnerungen an die Energiekrise vor vier Jahren im Zuge des Ukraine-Krieges. Die Frage ist: Wie sollen sie reagieren?
„Unternehmen benötigen in der aktuellen Lage mehr denn je ein durchdachtes Energiemanagement und ein strukturiertes Risikomanagement. Die historische Erfahrung spricht dafür, dass sie damit besser durch die Krise kommen als die, die auf Sicht fahren“, stellt Dr. Hans-Christoph Thomale fest, Rechtsanwalt und Partner beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Forvis Mazars.
Folgende grundlegenden Fragen sollten sich Firmen, die gefordert sind, ihr Energiemanagement anzupassen beziehungsweise neu aufzusetzen, stellen: Wie sichern wir nachhaltig unsere Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen – trotz volatiler Märkte und geopolitischer Unsicherheiten? Und wie können wir innerhalb unseres Unternehmens Energiepreis- und Versorgungsrisiken managen?
Auf dieser Basis lasse sich eine systematische Beschaffungs- und Versorgungsstrategie entwerfen, sagt Thomale: „Dazu gehört zum Beispiel die Möglichkeit, durch den gemischten Einkauf an Spot- und Terminmärkten gegebenenfalls auch kurzfristig auf Marktdynamiken zu reagieren.“ Wichtig sei auch, mit Energieberater*innen und Jurist*innen die aktuelle Beschaffung und laufenden Lieferverträge zu analysieren, um herauszufinden, wo Anpassungsbedarf besteht.
Zu einem strukturierten Energiemanagement gehört allerdings nicht nur die Beschaffungsseite. Auch Verbrauchsprofile sollten kritisch geprüft werden. „Abhängig vom individuellen Ausgangszustand des Betriebs ergeben sich durch einfache und schnell umzusetzende Maßnahmen häufig Einsparpotenziale von 10 bis 15 % im Verbrauch“, weiß Thomale. Außerdem sollte regelmäßig ein gründlicher Check der Gebäude- und Produktionsinfrastruktur erfolgen. Kleine Leckagen etwa in Versorgungsleitungen oder Pressluftsystemen können in der Summe zu unnötig hohen Energieverlusten führen.
Kostenvorteile durch erneuerbare Energien
Der Preisanstieg bei fossilen Energieträgern sollte für Unternehmensverantwortliche aber auch Anlass sein, ihren Erzeugungs-Mix zu diversifizieren und stärker als bisher in erneuerbare Energien zu investieren. Möglichkeiten dafür gibt es viele – zum Beispiel Photovoltaik (PV), Wind, Geothermie oder industrielle Abwärmenutzung in Kombination mit Wärmepumpen und Energiespeichern.
Durch einen solchen Ansatz ergeben sich selbst für weniger energieintensive Betriebe langfristige Kosten- und Bewertungsvorteile. „Einer unserer Mandanten, ein Einzelhandelsunternehmen im Bekleidungsbereich mit mehreren Standorten in Deutschland, hat im vergangenen Jahr seine eigenen Gebäude mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet“, berichtet Thomale. „Damit wird nun nicht nur ein Teil des Betriebsstroms aus eigener Kraft erzeugt. Durch entsprechende Maßnahmen kann zudem der Wert der Gebäude-Assets steigen – was sich im Einzelfall auch in einem besseren Rating bei den finanzierenden Banken niederschlagen kann.“
Vor dem Hintergrund der gestiegenen Öl- und Gaspreise rechnet sich eine Investition in erneuerbare Energien meist schon aufgrund der laufenden Betriebskosten. Einer Marktanalyse des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft zufolge zahlen kleine und mittlere Firmen in Deutschland derzeit durchschnittlich etwa 18 Cent pro Kilowattstunde für ihren Strom. Demgegenüber liegen die Kosten für die Stromerzeugung aus selbstgenutzten gewerblichen Photovoltaik-Dachanlagen nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts bei 5,7 bis 12 Cent pro Kilowattstunde – abhängig vom Standort und weiteren Faktoren. Amortisationszeiträume von weniger als drei Jahren erscheinen also realistisch.
Günstigere Preise für PV-Anlagen
Dazu kommt, dass der Anteil von Windkraft und Solarenergie an der gesamten Primärenergieerzeugung im deutschen Industriesektor bislang verschwindend gering ausfällt. „Es besteht in dieser Hinsicht großes Potenzial bei den erneuerbaren Energien“, stellt Experte Thomale fest. Ein unbestrittener Vorteil ist, dass die Anschaffungskosten für Solarmodule drastisch gesunken sind. Sie liegen je nach Qualität und Wirkungsgrad zwischen 100 und 200 Euro pro Kilowatt-Peak (kWp).
Damit sind nach Angaben des Fachverbands Solar Cluster Baden-Württemberg die Preise im Segment kleiner und mittlerer Anlagen, die zwischen 10 und 100 KWp leisten, in den vergangenen 20 Jahren um den Faktor acht bis zehn gesunken. Rechnet man Module, Wechselrichter, Unterkonstruktion und Installation zusammen, sind die Gesamtkosten für eine einsatzfertige PV-Anlage heute rund drei- bis viermal günstiger als noch Mitte der 2000er-Jahre.
Zwar lasse sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit Sicherheit sagen, ob die Nutzung selbst erzeugter erneuerbarer Energien für Firmen stets günstiger sein werde als fossile Energieträger, erklärt Thomale. Doch sieht er strategische Vorteile: „Kombiniert ein Betrieb etwa Photovoltaik mit einem Batteriespeicher, erlangt er nicht nur Versorgungssicherheit, sondern ist auch weniger abhängig von schwankenden Energiepreisen; zudem können damit weitere Kosteneinsparungen verbunden sein.“ Ein Zuwachs an Resilienz, der sich ebenfalls in der Unternehmensbewertung niederschlägt.
Durch Lastspitzenreduktion Kosten senken
Viele Industrieunternehmen zahlen zum Beispiel bei ihrem Stromtarif neben einem Arbeits- einen Leistungspreis, der sich nach der höchsten gemessenen Leistungsspitze im Abrechnungszeitraum richtet – meist in einem 15-Minuten-Intervall. Durch die Kombination eines Batteriespeichers auf dem eigenen Werksgelände mit einer PV-Anlage lassen sich diese kurzzeitigen Spitzen abpuffern. Folge: Die gemessene Spitzenlast gegenüber dem Versorger sinkt, was zu erheblichen Kosteneinsparungen beim Netzentgelt führt. Diese Lastspitzenreduktion, von Energie-Expert*innen Peak Shaving genannt, ist besonders kostenrelevant bei Unternehmen mit stark schwankenden Energielasten.
Die Kombination einer PV-Anlage mit einem Batteriespeicher ist daher besonders vorteilhaft für Industrieunternehmen. Ein Überschuss an Strom an besonders sonnenreichen Tagen, der nicht direkt verbraucht wird, wird im Speicher zwischengelagert und dann später zu verbrauchsstarken Produktionszeiten genutzt. Auch hier reduziert der Eigenstrom den Bedarf an vergleichsweise teurem Netzstrom, was die Gesamtkosten senkt.
Unter Umständen rechnet es sich, bei variablen Stromtarifen oder der Teilnahme am Day-Ahead-Markt (Spotmarkt) den Batteriespeicher in Zeiten niedriger Strompreise, etwa nachts oder bei hoher Einspeisung erneuerbarer Energien in das Netz (negative Spotpreise), zu laden und bei hohen Strompreisen zu entladen. Ist der Batteriespeicher ausreichend groß, kann das Unternehmen sogar daran denken, aktiv am Regelenergiemarkt teilzunehmen und damit eine zusätzliche Erlösquelle zu generieren. In dem Fall ist allerdings die Unterstützung durch energiewirtschaftliche Berater*innen und entsprechende Dienstleister erforderlich.
Anpassung inmitten von Unsicherheiten
Für eine solche langfristige Transformation braucht es vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, die nach den jüngsten Plänen der Bundesregierung jedoch infrage stehen. Bereits beschlossen ist, dass die Vergütung für Unternehmen, die ihren überschüssigen Strom aus einer PV-Anlage ins Netz einspeisen, in den kommenden Jahren sinken wird. Seit dem 1. Februar 2026 beträgt die Einspeisevergütung bei großen Anlagen weniger als 6 Cent pro Kilowattstunde. Fällt an der Strombörse der Preis ins Negative, entfällt sie sogar ganz.
Lohnt sich eine PV-Anlage unter diesen Bedingungen noch für Unternehmen? „Bei einer Volleinspeisung des erzeugten Stroms ist das in der Regel nicht wirtschaftlich“, sagt Kai Wuttke, Partner und Leiter der Service Line Sustainability bei Forvis Mazars. „Anders sieht die Rentabilitätsrechnung jedoch aus, wenn der Strom überwiegend im eigenen Betrieb genutzt wird. Denn die von der Bundesregierung im vergangenen Jahr eingeführte Sonderabschreibung senkt die Netto-Investitionskosten. Zudem stehen weiterhin Förderinstrumente von KfW und Ländern zur Verfügung.“
Einig sind sich die beiden Experten jedoch, dass ständige Gesetzesreformen oder die Anpassungen von CO2-Emissionszielen in Zeiten globaler Krisen und Versorgungsengpässe zu vermeidbaren Unsicherheiten führen. „Das trifft vor allem mittlere und große Unternehmen, die stringente Fahrpläne für ihre Dekarbonisierung verfolgen – häufig orientiert an langfristigen Zielen wie dem der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045“, erläutert Wuttke.
Dekarbonisierung im Fokus von Aufsichtsräten
Vor diesem Hintergrund wird Energieversorgung zunehmend zur Governance-Frage: „Aufsichtsräte haben ein Interesse an einem belastbaren Übergangsplan, der klare Dekarbonisierungsziele mit konkreten Maßnahmen und deren Finanzierung verknüpft“, sagt Wuttke. Nach einer Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Forvis Mazars aus dem Jahr 2025 im Kontext der Nachhaltigkeitsberichterstattung hatte zuletzt ein Teil der DAX-40-Unternehmen entsprechende Übergangspläne implementiert. Auch im Mittelstand hat das Thema in jüngster Zeit bei vielen Unternehmen an Bedeutung gewonnen.
Aus Wuttkes Sicht ist es Aufgabe des Aufsichtsrats, den Übergangsplan kritisch zu prüfen und kontinuierlich zu hinterfragen: Auf welche Energieträger setzt die Firma? Wie zahlen diese Entscheidungen auf definierte Klimaziele ein? Welche Investitionen sind erforderlich – und wie wirken sich diese auf Kostenstruktur, Wettbewerbsfähigkeit und Unternehmenswert aus?
Nicht zu vernachlässigen sei dabei auch das Risikomanagement: „Fossile Energieträger können knapp werden – etwa durch geopolitische Entwicklungen, Preisvolatilität oder Lieferengpässe. Solche Faktoren können bestehende Annahmen im Transformationspfad erheblich verändern“, betont Wuttke. Eine tragfähige Energieversorgungs- und Dekarbonisierungsstrategie sei daher hochkomplex und erfordere ein koordiniertes Vorgehen: „Es handelt sich um eine zentrale Steuerungs- und Governance-Aufgabe, an der Vorstand, Aufsichtsrat, Beschaffung sowie Nachhaltigkeits- und Risikomanagement gemeinsam arbeiten müssen.“
