Wie Klimarisiken den Business Case verändern
Neue Temperaturrekorde, Waldbrände, Dürre, Niedrigwasser: Der deutsche Sommer 2026 war extrem. Künftig werden die Folgen der globalen Erwärmung häufiger und intensiver spürbar – das ist wissenschaftlicher Konsens. „Auch die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich bereits heute entlang unterschiedlicher Geschäftsmodelle und Vermögenswerte“, sagt Moritz Sckaer.
Dass physische Klimarisiken unmittelbar zu Liefer- und Produktionsausfällen führen können, hat die jüngste Niedrigwasserphase des Rheins gezeigt. BASF transportiert rund 40 % der Güter über den Rhein und musste zeitweise die Produktion drosseln, weil angesichts historisch tiefer Pegelstände sogar die eigens angeschafften Niedrigwasser-Spezialschiffe an ihre Grenzen kamen. Anderen Chemiekonzernen, Pharma-Unternehmen oder Stahlerzeugern, die längs der Flussufer in Deutschland und in der Schweiz angesiedelt sind, erging es nicht besser.
„Bei Großinvestitionen müssen mögliche klimabedingte Veränderungsszenarien bereits in Planung, Finanzierung und Wirtschaftlichkeitsrechnung mit einbezogen werden“, erklärt Sckaer. So zählt zum Beispiel der Tâmega-Wasserkraftkomplex in Portugal mit drei Staudämmen und einem Investitionsvolumen von über 1,5 Mrd. € zu den größten Wasserkraftprojekten Europas. Längere Dürreperioden können nachweislich Zuflüsse, Stromerzeugung und Erträge reduzieren und damit erhebliche Betriebsunterbrechungen sowie gebündelte Folgerisiken – etwa für Rückversicherer – auslösen.
Wenn es der Versicherung zu riskant wird
Damit verbunden ist ein weiteres Klimawandelrisiko mit weitreichenden finanziellen Implikationen: die mögliche Nichtversicherbarkeit von Unternehmensstandorten und anderen Vermögenswerten. Die versicherten Schäden durch Naturgefahren sind in Deutschland im ersten Halbjahr 2026 zwar unterdurchschnittlich geblieben, meldet der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), doch GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen warnt: „Einzelne Unwetter können jederzeit hohe Schäden verursachen. Die geringen Schäden im ersten Halbjahr waren schlicht Glück.“
Die Flut im Ahrtal vor fünf Jahren hat gezeigt, dass Extremwetterereignisse nicht nur Versicherungsprämien treiben. „Steigende Schadenssummen stellen die Bezahlbarkeit und die Verfügbarkeit von Versicherungsschutz für besonders exponierte Assets und Regionen insgesamt für Unternehmen auch im produzierenden Gewerbe infrage, die sich darauf im Risikomanagement jedoch häufig blind verlassen“, warnt Moritz Sckaer. Der Wiederaufbaufonds nach der Ahrtal-Flut habe rund 30 Mrd. € umfasst. In den USA sind bestimmte Regionen – etwa im Tornadogürtel – bereits heute nicht mehr versicherbar.
Auch der deutsche Rückversicherungskonzern MunichRe verzeichnet für das erste Halbjahr 2026 Naturkatastrophenschäden leicht unter dem zehnjährigen Durchschnitt: Zerstört wurden Werte von rund 112 Mrd. US$, versichert waren davon nur 44 Mrd. US$. „Aber der Klimawandel und der Wertezuwachs gehen weiter und erhöhen das Risiko höherer Verluste in der Zukunft“, betont MunichRe-Vorstand Thomas Blunck. „Die besten Maßnahmen für weniger Schäden sind, Hochrisikogebiete nicht mehr für Menschen und Unternehmen zu erschließen sowie weiter in Prävention zu investieren.“
Resilienz durch belastbare Klimarisikoanalysen
Unternehmen können anhand von Gefahrenkarten zwar feststellen, wo erhöhte Klimarisiken bestehen. „Wir erleben in unseren Projekten jedoch, dass diese Informationen für Vorstände und Aufsichtsräte keine ausreichende Entscheidungsgrundlage bilden“, erklärt Moritz Sckaer. „Für ein Board ist relevant, wie verwundbar ein Standort tatsächlich ist, welche Schutzmaßnahmen bereits bestehen und welche finanziellen Folgen etwa Produktionsausfälle oder Schäden an Vermögenswerten haben können.“
Der Experte setzt daher auf standortspezifische Klimarisikoanalysen, die anerkannte Szenarien des Weltklimarates für physische Klimarisiken sowie der Internationalen Energieagentur und des Netzwerks zur Ökologisierung des Finanzsystems zur Bewertung transitorischer und finanzieller Auswirkungen mit konkreten Informationen zu Standorten, Anlagewerten und Lieferketten verbinden. „Ziele sind eine nachvollziehbare Priorisierung und replizierbare Mechanismen: Wo besteht wirklicher, wirtschaftlich begründeter Handlungsbedarf, welche Anpassungsmaßnahmen sind sinnvoll und welche Risiken müssen in Investitions- und Strategieentscheidungen einfließen?“
Zugleich wächst der regulatorische Druck: Im Rahmen der Nachhaltigkeitsberichterstattung werden kurz-, mittel- und langfristig erwartete finanzielle Effekte – die Anticipated Financial Effects (AFE) – zunehmend eingefordert. AFE übersetzen klimabezogene Risiken und Chancen in mögliche Auswirkungen auf Umsatz, Kosten, Investitionen oder Vermögenswerte.
Sckaer empfiehlt Unternehmen, zunächst einzelne, klar priorisierte Risiken oder Chancen auszuwählen und hierfür Annahmen und Zeithorizonte zu entwickeln. „Entscheidend ist weniger die vermeintliche Genauigkeit einer Annahme als ihre Nutzbarkeit für konkrete Entscheidungen. Wichtig ist auch, nicht auf einmal enorm hohe Summen aus methodisch unausgereiften Extremszenarien zu generieren, die erhebliche Herausforderungen im Risikomanagement auslösen und in Einzelfällen sogar kapitalmarktrechtliche Ad-hoc-Pflichten nach sich ziehen können.“
AFE: Klimadaten mit Eurowerten verknüpfen
AFE seien kein zusätzlicher Nachhaltigkeits-KPI, sondern eine finanzielle Übersetzung entsprechender Risiken und Chancen für unternehmerische Entscheidungen, so Sckaer. Bei anderen Risikokategorien ist das bereits gängige Praxis: Unternehmen quantifizieren entsprechende Gefahren in der Berichterstattung. Nur wenn Nachhaltigkeitsrisiken ebenso quantifiziert werden, können sie wie andere Kategorien ins Risikomanagement einfließen – und werden damit steuerungsrelevant.
„AFE bieten Unternehmen die Möglichkeit, prüfsichere Nachhaltigkeitsindikatoren mit konkreten Eurowerten zu verknüpfen. In dieser Validierung und auch Professionalisierung von Nachhaltigkeitsinformationen liegt die Chance, künftig klimabezogene Aspekte und die Finanzplanung in der Unternehmenssteuerung zusammenzuführen“, so Sckaer. Die Verbindung von Klimarisikoanalyse oder Dekarbonisierungsplanung mit konkreten finanziellen Effekten macht Nachhaltigkeitsinformationen für Risikomanagement, Kapitalallokation und strategische Investitionsentscheidungen nutzbar.
Die wirtschaftlichen Chancen, die aus der Dekarbonisierung entstehen können, kommen Sckaer generell viel zu kurz. „Unsere Analyse von DAX- und MDAX-Nachhaltigkeitsberichten aus dem Geschäftsjahr 2025 hat ergeben, dass es nur bei 10 % der Inhalte um Chancen geht“, so der Nachhaltigkeitsexperte. Dabei steckten in jedem Geschäftsmodell und jedem Sektor Potenziale durch Mitigation und Adaption.
Das betrifft niedrigere Energie- und Betriebskosten, geringere Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern, wettbewerbsfähigere Produkte, zusätzliche Nachfrage oder neue Erlösquellen. Der Einzelhandel kann stärker auf Rezyklat setzen statt auf Neuplastik und damit Emissionen reduzieren sowie nachhaltigkeitsbewusste Kund*innen gewinnen. Im Telekommunikationssektor sinken beim Wechsel von Kupfer- auf Glasfasernetze Energie- und Instandhaltungskosten; das aus dem Rückbau gewonnene Kupfer verbessert den Business Case zusätzlich.
Entscheidend sei es, Klima-, Kosten-, Umsatz- und Rentabilitätseffekte gemeinsam zu betrachten und in Produkt-, Prozess- und Investitionsentscheidungen einzubeziehen, so Moritz Sckaer. „Wer Dekarbonisierung und Resilienz nur als Kostenblock betrachtet, übersieht schnell mögliche positive Effekte auf Marge, Nachfrage, Marktzugang und Wettbewerbsfähigkeit.“
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