Keine ESG-Berichtspflicht, kein Handlungsdruck? Für Versicherer ein Trugschluss.

Wer nicht nach der CSRD berichtspflichtig ist, könnte das Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung schnell abhaken. Genau das wäre für Versicherer in vielen Fällen zu kurz gedacht. Wer heute auf Nachhaltigkeitsberichterstattung verzichtet, verschiebt den Aufwand häufig nur und riskiert Nachteile an anderer Stelle. Warum genau das für viele Versicherer strategisch relevant ist, zeigen wir anhand unserer Analyse.

1. Unser Vorgehen

Die aktuell in vielen Versicherungsunternehmen geführte Diskussion über den künftigen Stellenwert von ESG-Transparenz ohne regulatorische Berichtspflicht bildet den Ausgangspunkt unserer Analyse. In unserer Beratungspraxis zeigt sich dabei ein klares Bild: Eine fehlende strukturierte Nachhaltigkeitsberichterstattung kann bereits heute zu konkreten Herausforderungen führen – etwa im Austausch mit Kapitalgeber, Geschäftspartnern und Aufsichtsbehörden.

Neben unserer umfassenden Projekterfahrung in der Beratung von Versicherungsunternehmen bilden wissenschaftlich belegte Auswirkungen fehlender ESG-Transparenz, ergänzt um marktbezogene Auswertungen, die Grundlage unserer Analyse.

Zur Strukturierung analysieren wir diese Effekte entlang relevanter Wirkungszusammenhänge und leiten daraus vier zentrale Dimensionen ab: Stakeholder, Regulatorik, ESG-Anfragen und Strategie.

2. Dimension „Stakeholder“

Bereits der Blick auf die zentralen Stakeholder eines Versicherungsunternehmens zeigt den Mehrwert freiwilliger Nachhaltigkeitsberichterstattung. Auch ohne Berichtspflicht entstehen Erwartungen, die sich nicht ignorieren lassen. Am Kapitalmarkt sind ESG-Informationen laut der EZB zentrale Faktoren für Risikobewertung und Kapitalallokation. Ohne transparente und vergleichbare Daten ist eine fundierte Einordnung durch Investoren kaum möglich. Gleichzeitig betont die EZB die Bedeutung verlässlicher und vergleichbarer Nachhaltigkeitsinformationen für die Analyse finanzieller Risiken und Investitionsentscheidungen.

Zugleich gewinnen bei Unternehmensbewertungen Klima- und geopolitische Risiken sowie die Resilienz von Lieferketten zunehmend an Bedeutung. Mit dem Einsatz daten- und KI-gestützter Analysen werden belastbare ESG-Informationen damit immer stärker zum Wettbewerbsfaktor.

Auch für Kunden ist Nachhaltigkeit ein relevanter Entscheidungsfaktor. Fehlende Informationen mindern die Attraktivität bei Endkunden und Vertriebspartnern. Studien zeigen, dass insbesondere 18- bis 34-jährige Nachhaltigkeit bei der Produktauswahl berücksichtigen und für 62–77 % soziale Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Damit nachhaltige Produkte bestehen, müssen sie verständlich und nachvollziehbar sein.

Auch intern gewinnt ESG an Bedeutung. Für Gen Z und Millennials ist verantwortungsvolles Handeln ein Faktor bei der Arbeitgeberwahl; rund 20 % haben deshalb bereits den Arbeitgeber gewechselt. Gleichzeitig sind zentrale Funktionen auf konsistente ESG-Daten angewiesen. Beispielsweise für Investitionsentscheidungen in der Kapitalanlage, die Personal- und Vergütungssteuerung oder die Umsetzung von strategischen (Nachhaltigkeits-)Zielen. Eine strukturierte Berichterstattung schafft hier ein einheitliches Daten- und Zielbild.

3.   Dimension „Regulatorik“

Nachhaltigkeit bleibt für Versicherer relevant, auch ohne CSRD-Berichtspflicht. Nachhaltigkeits- und Klimarisiken sind Teil des aufsichtsrechtlichen Rahmens und werden über Solvency II und ORSA adressiert. Entsprechend müssen diese Themen in Governance, Strategie und Risikomanagement integriert werden. Die Anforderungen sind proportional, aber nicht optional.

Freiwillige Berichterstattung unterstützt die regulatorische Anschlussfähigkeit. Frühzeitig etablierte ESG-Strukturen ermöglichen es, neue Vorgaben effizient umzusetzen und Aufwand zu reduzieren. Studien zeigen, dass ESG-Integration Anpassungsfähigkeit und Resilienz erhöht und regulatorische Entwicklungen besser antizipiert werden. Stark aufgestellte Versicherer im ESG-Bereich erfüllen neue Anforderungen zudem 3,5-mal häufiger rechtzeitig.

Aufsichtsbehörden ordnen ESG- und Klimarisiken als strategisch relevante finanzielle Risiken ein. Werden sie nicht angemessen berücksichtigt, kann dies als Governance-Defizit gewertet werden. Eine strukturierte Berichterstattung hilft, auch neue Anforderungen frühzeitig in Prozesse zu überführen.

4. Dimension „ESG-Anfragen“

Was als Reporting-Thema erscheint, ist in der Praxis ein operatives Thema. Versicherer sehen sich zunehmend mit ESG-Anfragen konfrontiert, nicht aufgrund eigener Berichtspflichten, sondern aufgrund von Anforderungen entlang ihrer eigenen Wertschöpfungskette.

Auslöser sind regulatorische Vorgaben wie CSRD, CSDDD und LkSG, die Unternehmen zur Einholung von ESG-Daten verpflichten. Daraus entsteht ein kontinuierlicher Abfrageprozess. Bereits 78 % der insgesamt 166 Entscheidungsträger aus unterschiedlichen Bereichen wie Compliance, Finance oder der Geschäftsführung von kleinen, mittleren und großen Unternehmen fordern ESG-Daten von Lieferanten an.

Auch Banken nutzen ESG-Daten systematisch in Finanzierungs- und Geschäftsentscheidungen.

Großer und schwer planbarer Aufwand entsteht hierbei vor allem bei Unternehmen ohne Nachhaltigkeitsberichterstattung: Daten müssen ad hoc erhoben, validiert und zusammengeführt werden – häufig manuell. Laut einer BaFin-Marktstudie müssen 63 % der Befragten bei Datenlücken recherchieren oder auf Schätzungen zurückgreifen. Ohne Struktur steigt der Aufwand deutlich. Nachhaltigkeitsberichterstattung kann helfen, Prozesse zu standardisieren und Anfragen effizienter zu bedienen und dadurch das Arbeitsaufkommen niedrig zu halten.

5. Dimension „Strategie“

ESG beeinflusst zunehmend das Kerngeschäft von Versicherern. Insbesondere Umwelt- und Klimarisiken fließen stärker in risikorelevante Bewertungen ein, etwa im Underwriting. Auch institutionelle Investoren beziehen ESG-Faktoren systematisch in ihre Entscheidungsprozesse ein. Studien zeigen, dass ESG-Informationen zunehmend als integraler Bestandteil von Analyse und Risikobewertung genutzt werden.

Versicherer mit integrierten ESG‑Strukturen steuern Risiken gezielter und sind widerstandsfähiger gegenüber physischen und transitorischen Risiken. Die konsequente Einbindung in Kapitalanlage, Governance und Risikomanagement stärkt Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit. Studien zeigen, dass ESG‑integrierte Versicherer sowohl geringere Risikoexpositionen als auch bessere finanzielle Ergebnisse erzielen.

Auch für die Steuerung eines Versicherers spielt ESG eine zentrale Rolle. Es wirkt auf Größen wie Risikoprofil, Kapitalanforderungen und Marktposition. Unternehmen, die ESG systematisch berücksichtigen, erhöhen ihre Stabilität. Fehlt diese Grundlage, steigen Verlustrisiken und die Gefahr der Abwanderung von Kunden.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Qualität und Kommunikation von ESG‑Informationen. Fehlende oder unzureichende Transparenz beeinträchtigt Glaubwürdigkeit und Vergleichbarkeit gegenüber Investoren, Kunden und Partnern. Gleichzeitig nutzen institutionelle Investoren ESG‑Kriterien zunehmend systematisch, wodurch sich die Attraktivität am Kapitalmarkt direkt verändert. Versicherer mit belastbaren ESG‑Daten und klarer Kommunikation schaffen Vertrauen und sichern sich Vorteile, während ESG‑Defizite zu Reputations‑ und Kapitalrisiken führen.

6. Fazit: Kein „Nice‑to‑have“ – ESG‑Relevanz entsteht auch ohne Berichtspflicht

Nachhaltigkeitsberichterstattung ist für Versicherer nicht nur allein deshalb relevant, weil sie vorgeschrieben wird, sondern weil sie bereits im operativen Alltag entsteht. ESG-Informationen werden erhoben, abgefragt und genutzt, unabhängig davon, ob ein verpflichtender Bericht existiert. Ein Bericht macht damit sichtbar, was operativ längst passiert.

Der Unterschied liegt damit nicht im „Ob“, sondern im Umgang damit. Ohne Struktur entstehen isolierte Datenpunkte und steigender Aufwand. Mit Struktur entsteht ein konsistentes Bild, das steuerbar wird. Gerade für Versicherer, deren Geschäft stark von Risiko und Steuerungsentscheidungen geprägt ist, wird diese Struktur zu einem zentralen Erfolgsfaktor. Berichterstattung entscheidet darüber, ob ESG nur Aufwand erzeugt oder echten Nutzen stiftet.

Freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung setzt genau hier an: Sie führt Daten, Prozesse, Verantwortlichkeiten und Steuerungsgrößen in einem Rahmen zusammen. Damit entsteht erstmals ein Gesamtbild, das nicht nur für externe Anforderungen genutzt werden kann, sondern auch intern als Grundlage für fundierte Entscheidungen und eine gezielte Weiterentwicklung dient. Was zuvor verteilt vorliegt, wird so in einen Zusammenhang gebracht und erhält erst dadurch seine eigentliche Aussagekraft.

7. Exkurs: Realwirtschaft

Wer den Blick von der Versicherungsbranche löst, erkennt schnell: Die beschriebenen Entwicklungen sind kein Einzelfall. ESG‑Informationen spielen inzwischen in nahezu allen Branchen eine Rolle und fließen zunehmend in Geschäftsbeziehungen, regulatorische Rahmenwerke und unternehmerische Entscheidungen ein. Unternehmen sehen sich entlang ihrer Wertschöpfungsketten mit vergleichbaren Datenanforderungen konfrontiert und müssen ESG‑Aspekte in ihre Steuerung integrieren.

Natürlich ist ein freiwilliger Nachhaltigkeitsbericht mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele dieser Themen ohnehin Teil der täglichen Praxis sind. ESG‑Informationen werden beispielsweise von Banken systematisch abgefragt und in Finanzierungsentscheidungen einbezogen. Ebenso werden sie in Beschaffungs‑ und Lieferantenprozessen genutzt, wenn ESG‑Kriterien in die Auswahl und Bewertung von Geschäftspartnern einfließen.

Aus unserer Sicht ist dieser Aufwand daher gut investiert. Er schafft die Möglichkeit, bestehende Themen in einen klaren Zusammenhang zu bringen und gezielt weiterzuentwickeln.