„Wer nicht an die Zukunft glaubt, lässt sich nichts Neues einfallen“
Frau zu Fürstenberg, Deutschland wird derzeit oft als Krisenfall beschrieben. Wie geht es dem Standort aus Ihrer Sicht?
Zu Fürstenberg: Im Vergleich zu den 2010er-Jahren muss man tatsächlich von einer veritablen Krise sprechen, aus den bekannten Gründen. Als wichtigster erscheint die Abhängigkeit Deutschlands von der Aufnahmebereitschaft seiner Absatzmärkte. Außerdem stellen die geopolitischen Verschiebungen unser hocharbeitsteiliges Wirtschaftsmodell vielfältig infrage. Viel interessanter allerdings ist die Frage, was bei der Standortdebatte derzeit gerade nicht gesehen wird.
Was wäre das?
Die historisch einmalige Chance, technologisch aufzuholen – bedingt durch die enorme industrielle Fertigungstiefe und den dadurch so vielfältig möglichen Einsatz neuer Technologien wie der Künstlichen Intelligenz (KI). Deutschland und Europa verfügen über genügend Talente, Forschungsinstitutionen und Technologie-Cluster, um daraus etwas zu machen. In Europa gibt es mehr KI-Anwender*innen als in den USA. Kombiniert mit einem im internationalen Vergleich noch immer sehr hohen Industrialisierungsgrad und der tiefen Kenntnis von Produktionsprozessen – das Konzept der Industrie 4.0 wurde in Deutschland entwickelt – kann daraus eine echte Wachstumsstory werden. Hinzu kommt die hohe Investitionsbereitschaft des Bundes durch die Sondervermögen. Ob Sie es glauben oder nicht: Die Stimmung, gerade in der Start-up-Branche, wo derzeit so viel Neues entsteht, ist gut.
Sie kritisieren dennoch ein Defizitnarrativ, das Ihrem Eindruck nach die Gesamtwirtschaft lähmt. Welche Entscheidungen in Unternehmen werden dadurch konkret schlechter?
Das Defizitnarrativ hat handfeste Folgen, weil es in den Unternehmen seine wirtschaftliche Übersetzung findet – von Personal- bis hin zu strategischen Investitionsentscheidungen. Wer nicht an die Zukunft glaubt, lässt sich nichts Neues einfallen und setzt dafür schon gar kein Kapital ein. Wie stark Psychologie die Wirtschaft dominiert, hat der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman über Jahre erforscht: Kognitive Verzerrungen und Emotionen lassen Menschen Verluste schwerer gewichten als mögliche Gewinne. Sie versuchen, Verluste zu meiden. Innovationsstrategien entstehen so jedenfalls nicht.
Der Titel Ihres Buches setzt die These: Wie gut wir sind, zeigt sich in Krisenzeiten. Woran zeigt sich das konkret? Welche Fähigkeiten unterscheiden robuste Organisationen von denen, die vor allem reagieren?
Allen voran die Risikobereitschaft. Erfolgreiche Unternehmer*innen gehen enorme Risiken ein – nicht nur finanzielle, auch persönliche. Ihr Gestaltungsdrang treibt sie dazu; das ist nicht anders als bei Künstler*innen. Der entscheidende Faktor also ist die Haltung, das Mindset. Talente kann man anheuern, Kapital lässt sich am Markt besorgen. Aber das alles tut man nur, wenn man über das entsprechende Mindset verfügt. Sonst passiert gar nichts.
Viele Unternehmen wissen, dass sie sich verändern müssen – und kommen trotzdem nicht ins Handeln.
Sehen Sie, mit dieser Aussage befördern auch Sie die gängige Negativerzählung – eine Sichtweise, die schon angesichts der Herausforderungen der Digitalisierung vor 20 Jahren permanent wiederholt wurde. Wir galten als der kranke Mann Europas. Dabei hatte das Gros der Unternehmen längst gehandelt, was der wirtschaftliche Erfolg in der Zeit von 2010 bis 2019 eindrücklich bewies. Aktuell ist die Lage ähnlich: Was etwa die bevorstehende Transformation durch KI angeht, liegen wir keinesfalls hinten. Vielleicht sind unsere Betriebe noch nicht die weltweiten Vorreiter, als die wir sie gerne sähen – doch nimmt die Entwicklung Fahrt auf, auch in unserem hochspezialisierten industriellen Mittelstand mit seinen vielen Hidden Champions.
Was hilft, um von Analyse und Pilotprojekten in die Umsetzung zu kommen?
Mut und Rückgrat – so formuliert es Torsten Reil, Mitgründer des Technologie-Verteidigungsunternehmens Helsing, der zuvor schon einmal sehr erfolgreich gegründet hat. In unserem Buch lässt er sich mit den Worten zitieren: „Wir haben eigentlich alles, was wir brauchen. Wir haben das Talent, wir haben so viele Leute aus Amerika zurückgeholt, Europäer, die auf höchstem technologischen Niveau jetzt wieder in ihrer Heimat arbeiten. Wir brauchen nur Mut und Rückgrat. Im Wege stehen, wenn überhaupt, nur wir uns selbst.“ Er hat recht: Das Spiel entscheidet sich zuerst im Kopf.
Wie sieht aus Ihrer Sicht Mut in Unternehmen aus? Was unterscheidet ihn von Aktionismus?
Ehrlich gesagt: Vor Aktionismus muss man hierzulande weniger Sorgen haben als vor Attentismus, also dem Abwarten. Wir sind in Deutschland oft überlegter und dadurch scheinbar langsamer. Aber wenn wir den Schalter umlegen, dann richtig, wie beim Konzept der Industrie 4.0. Manchmal steht uns auch unser Perfektionismus im Weg. Vor dem Hintergrund der rasenden Entwicklung der KI wäre es wichtig, auch mal mit Ideen oder Produkten nach draußen zu gehen, die vielleicht noch nicht ganz ausgereift sind.
Welche Rolle spielen Aufsichtsräte und Führungsgremien dabei?
Eine tragende. Sie stellen die Weichen und müssen die beschriebene Haltung – Mut und Rückgrat – vorleben.
Sie betonen die strategische Bedeutung der Zusammenarbeit von etablierter Industrie und Tech- beziehungsweise KI-Start-ups. Warum ist diese Allianz gerade jetzt entscheidend?
Wir stehen vor einer technologischen Transformation durch KI, die jedes Unternehmen auf der Welt durchlaufen muss. Hier haben die USA mit ihren Tech-Konzernen keinen Vorteil. Denn KI ist keine Technologie, die disruptiert, sondern eine, die transformiert. Sie produziert keine Daten, sondern ist auf diese angewiesen. Dort, wo die Fertigungstiefe und damit der Datenschatz am größten sind, kann KI ihre wachstumstreibende Kraft am besten entfalten. Mit seiner hochmodernen und weitgehend digitalisierten Industriebasis ist Europa den deindustrialisierten Vereinigten Staaten deshalb um einiges voraus – und bietet große Chancen für Kooperationen zwischen Start-ups und Industrie. Trauen wir uns deshalb endlich, eine konkrete industriepolitische Ambition zu formulieren: Wir sollten gemeinsam daran arbeiten, dass bis zum Jahr 2040 drei der weltweit zehn führenden Technologie-Konzerne oder -Verbünde europäisch sind. Das ist nicht unrealistisch.
Gibt es dafür denn schon Ansätze?
Die Bewegung in diese Richtung gewinnt an Tempo, europäische Technologieführer organisieren sich in Allianzen. Unlängst etwa hat sich ASML, ein niederländischer Zulieferer der Chipindustrie, am französischen KI-Unternehmen Mistral AI beteiligt. Eine Kooperation, die einen Schritt in Richtung Unabhängigkeit der strategisch wichtigen Bereiche KI und Halbleitertechnologie bedeutet. ASML stellt als weltweit einziges Unternehmen Extrem-Ultraviolett-Lithografiemaschinen für die Produktion modernster Halbleiter her, die auch im Silicon Valley unverzichtbar sind. Das französische KI-Unternehmen wiederum gehört zu den wenigen, die große Sprachmodelle entwickeln. Viele Großkonzerne greifen bereits auf seine Software zurück, bedacht auf ihre Unabhängigkeit von amerikanischen Anbietern und Servern. Eine solche Allianz weckt Fantasien.
Wenn wir auf die nächsten Jahre schauen: Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Chancen für Deutschland und Europa – und woran würden wir erkennen, dass daraus tatsächlich ein Aufbruch wird?
Der Aufbruch findet längst statt. Die größten Chancen liegen auf den Feldern Technologie, Verteidigung und Energie. Denn hier ist bei Wirtschaft wie Politik die Einsicht am größten, dass wir dringend mehr Resilienz brauchen. Daraus wird noch sehr viel entstehen.

