Sicherheitsaufgaben werden häufig von Mitarbeiter*innen ohne spezifische Cybersecurity-Expertise übernommen, oft in Teams mit begrenzten Ressourcen. Zudem fehlt es nicht selten an einer ausgeprägten Sicherheitskultur. Patientenakten sind mitunter auch für Beschäftigte zugänglich, die keinen Bezug zur Behandlung der jeweiligen Patient*innen haben. Das verdeutlicht die Lücke zwischen technischen Schutzmaßnahmen und sicherheitsbewusstem Verhalten im Arbeitsalltag. Ein treffendes Beispiel für diese Kompetenzlücke ist der Katastrophenschutz-Test eines britischen Krankenhauses, der spektakulär schiefging: Die Verantwortlichen hatten nicht sichergestellt, dass der normale Betrieb während der Übung tatsächlich weiterlaufen konnte. In der Folge fielen zentrale operative Systeme aus.
Die finanziellen Engpässe, mit denen Einrichtungen des Gesundheitswesens umgehen müssen, verschärfen diese Herausforderungen zusätzlich. Angesichts knapper Budgets fließt das Geld, das für Informationssicherheit ausgegeben wird, nicht in die Patientenversorgung oder medizinische Innovationen – ein schwieriger Kompromiss, der dazu führt, dass Sicherheitslücken nicht geschlossen werden.
Vor diesem Hintergrund haben viele Organisationen im Life Sciences-Sektor Sicherheitsstandards definiert, die Einrichtungen im Gesundheitswesen erfüllen müssen, um mit ihnen zusammenzuarbeiten oder Partnerschaften einzugehen. Damit wird deutlich, dass in einer so stark vernetzten Branche die Sicherheit stets nur so stark ist wie das schwächste Glied in der Lieferkette.
Die Einführung von Standards wie der ISO 27001 ist für datenbasierte Kooperationen inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig werden Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen, Segmentierung und Threat Intelligence zunehmend nicht mehr als reiner Kostenfaktor verstanden, sondern als unverzichtbare Infrastruktur für einen innovationsgetriebenen Sektor.
KI: Beschleunigung von Innovationen und Erweiterung der Angriffsfläche
Kaum irgendwo tritt das Spannungsfeld zwischen Innovation und Sicherheit deutlicher zutage als beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Organisationen im Life Sciences-Sektor stehen KI deutlich aufgeschlossener gegenüber als viele andere Branchen – und das aus gutem Grund. Bereits im Jahr 2024 investierten Schätzungen zufolge rund 95 % der Pharmaunternehmen in KI, und bis 2030 soll sich das Investitionsvolumen um 600 % erhöhen. Nicht nur die Höhe der Investitionen ist bemerkenswert. Auch das Potenzial ist erheblich, etwa durch Zeitersparnissen von bis zu 80 % bei klinischen Studien. Tatsächlich setzt der Sektor KI bereits seit Jahren ein – vielfach schon, bevor sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt war.
Heute kommt die Technologie entlang der gesamten Wertschöpfungskette zum Einsatz, von der Wirkstoffforschung über die Auswahl geeigneter Patient*innen und Diagnosetools bis hin zur Schulung von Pharmareferent*innen. KI ermöglicht dabei jene biologiebasierte Vorarbeit, die darüber entscheidet, ob experimentelle Therapien für bestimmte Patientengruppen wirksam sein könnten. Ohne moderne computergestützte Hilfe wäre diese Arbeit in vielen Fällen nicht zu leisten.
Die schnelle Einführung dieser Technologien schafft jedoch neue Schwachstellen. Jedes KI-System erweitert die Angriffsfläche, und Bedrohungen wie Model Poisoning oder Inversionsangriffe könnten theoretisch Entwicklungsprozesse für Arzneimittel oder diagnostische Systeme kompromittieren.
Zwar setzen regulatorische Vorgaben gewisse Leitplanken, doch das Tempo der Einführung überholt häufig die Weiterentwicklung geeigneter Sicherheitsprotokolle, um den damit verbundenen Risiken angemessen zu begegnen – insbesondere bei Anwendungen ohne direkten Patientenkontakt.
Im Gegensatz dazu zeigen Organisationen im Gesundheitswesen mehr Zurückhaltung bei der Einführung von KI, vor allem angesichts der DSGVO und datenschutzrechtlicher Bedenken. Auch wenn die Unternehmen weiterhin vorsichtig sind, bremst dies das Wachstum nicht: 42 % der Führungskräfte im Bereich Life Sciences geben an, dass KI für sie im Jahr 2026 die oberste Priorität bei der digitalen Transformation darstellt. Dennoch dient der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in klinischen Umgebungen in erster Linie der Entlastung der Verwaltung und nicht der direkten medizinischen Entscheidungsfindung – ein Zeichen für die anhaltenden Fragen zur Ethik KI-gestützter Behandlungsentscheidungen.
Cybersicherheits-Reifegrad als Wettbewerbsvorteil
Die fortschrittlichsten Organisationen im Life Sciences-Sektor verstehen Cybersicherheit zunehmend nicht als Compliance-Anforderung oder als Innovationshemmnis, sondern vielmehr als Wettbewerbsvorteil. Dies beginnt intern mit der konsequenten Umsetzung von „Security-by-Design“-Prinzipien, einschließlich einer engen Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsteams, Wissenschaftler*innen und den Fachbereichen. In einer Branche, die häufig einem Zero Trust-Ansatz folgt, müssen Sicherheitsteams darauf abzielen, ein angemessenes Sicherheitsniveau aufrechtzuerhalten, ohne dabei unnötige Reibungsverluste für Innovationen zu erzeugen.