Zentrale Herausforderungen im Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts
Demografischer Wandel
Weltweit altern die Bevölkerungen: Die Lebenserwartung steigt, die Geburtenraten sinken. Die durchschnittliche globale Lebenserwartung dürfte bis 2050 auf 78 Jahre steigen, gegenüber 67 Jahren im Jahr 2000. Dann werden über 65‑Jährige voraussichtlich 23 % der US‑Bevölkerung und 29 % der europäischen Bevölkerung ausmachen. Gesundheitssysteme sehen sich damit einer wachsenden Zahl von Patient*innen gegenüber, die länger leben, zugleich aber häufig an mehreren – oft chronischen – Erkrankungen leiden. In den USA leben bereits heute acht von zehn über 65‑Jährigen mit einer Kombination solcher Leiden.
Eine gesunde Bevölkerung unterstützen
Zwei Drittel der Gesundheitsausgaben in entwickelten Volkswirtschaften entfallen auf die Bevölkerung im Erwerbsalter. Gleichzeitig geraten die Systeme zunehmend unter Druck durch chronische und nichtübertragbare Erkrankungen, darunter vermeidbare Krebserkrankungen, Herz‑Kreislauf‑Leiden, Diabetes und alkoholbedingte Erkrankungen. In der Europäischen Union sterben jährlich rund 424.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter an diesen Krankheiten – verbunden mit dem Verlust von 2,4 Millionen potenziell produktiven Lebensjahren.
Engpass auf dem Arbeitsmarkt
Vor dem Hintergrund eines weltweit prognostizierten Mangels von 4,1 Millionen Fachkräften im Gesundheitsbereich bis 2030 können Hochlohnländer medizinisches Fachpersonal nicht unbegrenzt aus dem Ausland rekrutieren. In einigen Fällen schrumpft der Pool an verfügbaren Fachkräften im Gesundheitswesen bereits. In Mexiko etwa ist das Unterstützungsverhältnis – also das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentner*innen – von fast 13:1 im Jahr 1997 rückläufig und dürfte bis 2050 unter 4:1 sinken. Gesundheitssysteme werden daher verstärkt neue Wege benötigen, um Personalmangel, Überlastung und geringe Produktivität zu adressieren. Künstliche Intelligenz ist dafür gut geeignet.
Steigende Kosten und fiskalische Nachhaltigkeit
Die steigenden Gesundheitsausgaben sind in allen industrialisierten Ländern ein zentrales Thema. In den USA machen sie laut OECD inzwischen 17,2 % des Bruttoinlandsprodukts aus, in der EU 10,0 %. Der OECD‑Durchschnitt lag 2020 bei 7 % und beträgt inzwischen 12,8 %.
Trotz sehr unterschiedlicher Organisationsmodelle stehen die Gesundheitssysteme in Nordamerika und Europa vor ähnlichen Herausforderungen. Eine aktuelle Analyse von McKinsey zum US‑Gesundheitswesen stellt die Frage, ob die Zukunft eher ein „goldenes Zeitalter“ oder ein „heraufziehender Sturm“ sei. Auch der im Juli 2025 veröffentlichte Langfristplan der britischen Regierung für den National Health Service rahmt die Alternativen in vergleichbarer Weise.
Die Rolle der digitalen Transformation
Regierungen und Gesundheitseinrichtungen nutzen Technologie, um die medizinische Versorgung grundlegend zu verändern. Drei übergreifende Strategien zielen dabei insbesondere darauf ab, präventiver Medizin eine deutlich größere Bedeutung zu geben.
1. Nachfrageseite: wohnortnahe Versorgung und digitale Plattformen
Gesundheitssysteme stärken die Primärversorgung und entwickeln sie zu einem interdisziplinären, digital unterstützten Netzwerk für Früherkennung, Behandlung und Management chronischer und nichtübertragbarer Erkrankungen weiter. Untersuchungen zeigen, dass dieser Ansatz erhebliche Vorteile bieten kann – unter anderem geringere Kosten und niedrigere Komplikationsraten im Vergleich zur stationären Behandlung.
Die neue Strategie der britischen Regierung für NHS England sieht vor, Patient*innen grundsätzlich digital zu versorgen – möglichst zu Hause, bei Bedarf in wohnortnahen Gesundheitszentren und nur wenn erforderlich im Krankenhaus. In Finnland versorgen „digitale Kliniken“ bereits 3,3 Millionen Einwohner*innen, während in Portugal Programme für „hospital at home“ die Verweildauer akut erkrankter Patient*innen verkürzen.
Parallel dazu weitet sich in vielen Industrieländern der Zugang zu elektronischen Patientenakten, elektronischen Rezepten und Online‑Terminbuchungen aus. Digitale Gesundheitsanwendungen entwickeln sich rasant. In Deutschland etwa unterstützen Apps und tragbare Sensoren Patient*innen dabei, spezifische Erkrankungen – etwa Sepsis oder Hautkrebs – frühzeitig zu erkennen.
2. Angebotsseite: Digitalisierung der Versorgung
In den USA sind die Transaktionsbeziehungen zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern weiterhin hoch komplex. Generative KI wird hier bereits eingesetzt, um Zahlungsprozesse zu beschleunigen und Fehler zu reduzieren.
Auch die klinische Produktivität dürfte durch sogenannte KI‑Schreibassistenten steigen. Diese digitalen Helfer hören Arzt‑Patient‑Gesprächen zu und fassen sie automatisiert für elektronische Patientenakten zusammen. Aktuelle Erprobungen in Norwegen, Schweden und dem Vereinigten Königreich zeigen, dass diese Tools Zeit sparen, die Interaktion mit Patient*innen verbessern und von Ärzt*innen breit akzeptiert werden.
Zweifel daran, dass KI künftig in zahlreiche Versorgungspfade integriert wird, gibt es kaum. In Radiologie und Onkologie kann KI etwa eine frühere Diagnostik ermöglichen, die Präzision erhöhen und klinische Entscheidungen unterstützen. Zugleich bestehen weiterhin Hürden – darunter die Integration in bestehende Arbeitsabläufe, regulatorische Fragen sowie die Akzeptanz durch medizinisches Personal und Patient*innen.
3. Datenanalyse im großen Maßstab
Der Ausbau präventiver Ansätze erfordert einen Echtzeit‑Datenaustausch, integrierte Workflows und stärker datengestützte Entscheidungen. Die Bedeutung solider Datenstrategien ist offensichtlich. In Frankreich bildet das 2021 gestartete Programm Ségur Numérique die Grundlage dafür. Zu den zentralen Vorteilen zählen der institutionsübergreifende Austausch von Gesundheitsdaten, verbesserte Versorgungspfade und die Einführung von Mon Espace Santé, einer digitalen Patientenakte mit 24 Millionen Nutzer*innen.
In den USA haben daten‑ und analysegestützte Ansätze zur Identifikation von Hochrisikopatient*innen, zur Vorhersage von Komplikationen und zu frühzeitigen Interventionen zu spürbaren Senkungen der Gesamtkosten in der Versorgung geführt. Der European Health Data Space (EHDS) soll ähnliche Lösungen ermöglichen, indem Gesundheitsdaten aus ganz Europa für Forschung, Innovation und Politikgestaltung zusammengeführt werden.
Darüber hinaus plant die britische Regierung einen „genomics population health service“, der auf einem universellen Screening von Neugeborenen und einer bevölkerungsweiten Risikobewertung basiert. Ziel ist es, Personen mit hohem Risiko für häufige Erkrankungen frühzeitig zu identifizieren.
CES‑Insights: eHealth‑Trends
Jedes Jahr zieht die Consumer Electronics Show (CES) rund 150.000 Besucher*innen in die riesigen Messehallen von Las Vegas, um sich über tausende neue Produkte und Dienstleistungen zu informieren. Die CES ist ein Schaufenster der Technologiebranche. Früher standen vor allem Geräte im Mittelpunkt. Heute verschiebt sich der Fokus: Hardware ist eingebettet in Software‑Ökosysteme, und die Grenzen zwischen Technologie, Gesundheitswesen und Wellness verschwimmen zunehmend.
Technologien, die früher Implantate oder strenge klinische Protokolle erforderten, werden heute online für wenige hundert Dollar verkauft. Auf der diesjährigen CES präsentierten gleich mehrere Start-ups Lösungen zur Stimulation des Vagusnervs für den Massenmarkt. Zugleich mehren sich Fragen zur medizinischen Evidenz, zu Marketingversprechen und zu langfristigen Auswirkungen.
Consumer-Technologie prägt zunehmend die Erwartungen von Patient*innen. Während in vielen Arztpraxen eine Überweisung nötig ist, um Bluttests im Krankenhaus durchführen zu lassen, zeigen Anbieter auf der CES nichtinvasive Messgeräte – darunter vernetzten Schmuck zur Überwachung von Vitalparametern. Mit der zunehmenden Miniaturisierung von Wearables werden diese immer stärker zum Zugangspunkt für personalisierte Gesundheitsdaten, die visuell ansprechend verpackt, aber häufig nicht in formale Versorgungssysteme integriert sind.
Auffällig war zugleich, dass Forschungsinstitute, Biotech‑Start-ups und Pharmaunternehmen auf der CES weitgehend abwesend waren. In einer Welt aus Hardware und Daten bleiben die Herausforderungen der Differenzialdiagnostik und die Ressourcen, die für bahnbrechende Therapien notwendig sind, oft unsichtbar. Das liegt nicht an der CES selbst. Im Bereich der Consumer-Technologie zählen kurze Innovationszyklen und schnelle Skalierbarkeit. Früherkennung kann bei vielen Erkrankungen hilfreich sein, und gut informierte Patient*innen sind in der Regel gesünder.
Gleichzeitig stellt sich für viele Fachkräfte im Gesundheitswesen die Frage, ob diesen Vorteilen nicht ein erhöhtes Risiko gegenübersteht – etwa durch mehr falsch‑positive Befunde, Überdiagnosen und zusätzliche Verunsicherung. Diese Bedenken sind berechtigt und bedürfen weiterer Untersuchung. Zunehmend wird es darauf ankommen, die durch konsumorientierte Gesundheitstechnologien gestiegenen Erwartungen so aufzugreifen, dass sie mit einer nachhaltigen, integrierten Gesundheitsversorgung in Einklang stehen.
- Florence Sardas, Partnerin und Chief Transformation Officer, Forvis Mazars Group
Die richtigen Ergebnisse erzielen
Das jährliche C‑Suite‑Barometer von Forvis Mazars, eine Befragung von mehr als 3.000 Top-Führungskräften weltweit, zeigt, welche digitalen Transformationsprojekte in verschiedenen Branchen priorisiert werden. Drei Themen dominieren: ein starker Fokus auf Datenstrategien, neue Governance‑Ansätze und der Einsatz neuer Technologien.
Die eHealth‑Agenda folgt ähnlichen Prioritäten, doch ihr Erfolg hängt von der Bewältigung branchenspezifischer Herausforderungen ab.
- Fortschrittliche Analysen erfordern gut strukturierte, qualitativ hochwertige Daten. Im Gesundheitswesen liegen diese jedoch häufig in Silos, sind unzureichend kodiert oder sogar handschriftlich erfasst.
- Erheblicher technischer Aufwand ist notwendig, um neue Technologien mit bestehenden Plattformen und klinischen Arbeitsabläufen zu verbinden. Datenschutz und die Stärkung der Cybersicherheit stellen zusätzliche Herausforderungen dar.
- Lösungen müssen gemeinsam mit medizinischen Fachkräften entwickelt werden, die KI-Systeme als „Black Box“ nicht hinnehmen. Ähnlich wie im Bankensektor wird „erklärbare“ Künstliche Intelligenz erforderlich sein, damit medizinisches Personal die Empfehlungen von Maschinen nachvollziehen und hinterfragen kann. Hinzu kommen weitere arbeitsbezogene Sorgen, etwa vor Kompetenzverlust, algorithmischen Verzerrungen oder negativen Auswirkungen auf die Arzt‑Patient‑Beziehung.
- Eine nachhaltige präventive Gesundheitsversorgung erfordert mehr als KI. In Europa besteht unter Fachkräften weitgehend Einigkeit über die Notwendigkeit einer entschlosseneren staatlichen Politik – etwa in Form von Steuern, Regulierung und rechtlichen Vorgaben zum Schutz der öffentlichen Gesundheit. Diese Auffassung wird jedoch nicht überall geteilt. Die OECD fordert unterdessen weiterhin Verbesserungen bei der Budgetierung und finanziellen Steuerung. Verschwendung, Ineffizienzen und Unterschiede in der Behandlung können bis zu 20 % der Gesundheitsausgaben ausmachen.
Ausgehend von den begeisterten Schlagzeilen zum Potenzial der KI, empfiehlt Forvis Mazars den Führungskräften im Gesundheitswesen, sich auf die folgenden wesentlichen Schritte zu konzentrieren, um den Wandel voranzutreiben.
- Gemeinsame Entwicklung von Lösungen mit medizinischen Fachkräften. Technische Lösungen müssen die Versorgung unterstützen und an der Realität der Leistungserbringung ausgerichtet sein. Frühe Einbindung ist entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung.
- Modernisierung überholter IT‑Infrastrukturen. Alt‑Systeme, mangelnde Interoperabilität und Cybersicherheitsrisiken stellen erhebliche Hürden dar und stehen zentral im Spannungsfeld zwischen Technologie und Strategie.
- Aufbau einer gemeinsamen Kultur von IT, Compliance und Cybersicherheit. Führungsteams müssen eine klare, konsistente Transformationsstrategie etablieren und den Umgang mit Widerständen bei Veränderungsprozessen aktiv gestalten.