ESG im Gesundheitswesen: Versorgung sichern, Innovation ermöglichen, Vertrauen stärken
ESG im Gesundheitswesen
Im Gesundheitswesen sind Patientensicherheit, Versorgungsqualität, Produktverfügbarkeit, klinische Forschung und der verantwortungsvolle Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten eng mit dem Geschäftserfolg verknüpft. Für Unternehmen im Healthcare- und Life-Sciences-Sektor bedeutet das, Nachhaltigkeit mit ihren strategischen Zielen zu verbinden: Versorgung sichern, Risiken reduzieren, Innovationen ermöglichen und Vertrauen stärken.
Nachhaltigkeit wird zur Frage der Versorgung
Die Gesundheitsbranche steht unter Druck. Lieferketten sind anfälliger geworden, Energie- und Ressourcenkosten steigen. Gleichzeitig gefährden physische Klimarisiken wie Extremwetter zunehmend die Versorgung. Sie können Infrastrukturen beschädigen, die Energieversorgung unterbrechen und zu Betriebsstörungen in Produktionsstandorten und Krankenhäusern führen. Dadurch steigt das Risiko, dass Medikamente oder Gesundheitsleistungen nur eingeschränkt verfügbar sind.
Nachhaltigkeit wird so unmittelbar zur Frage der Versorgungsfähigkeit. Resiliente Lieferketten helfen, geopolitische, wirtschaftliche und klimabedingte Störungen abzufedern. Ein effizienter Umgang mit Ressourcen senkt nicht nur Umweltbelastungen wie CO2-Emissionen, sondern reduziert Abhängigkeiten und stabilisiert Betriebskosten. Hohe Standards für medizinische Qualität sowie Produkt- und Patientensicherheit und der gezielte Einsatz digitaler Lösungen tragen zusätzlich dazu bei, die Versorgung auch unter veränderten Rahmenbedingungen verlässlich aufrechtzuerhalten.
Diese Perspektive ist zugleich wirtschaftlich relevant. Klimabedingte Betriebsunterbrechungen oder Infrastrukturschäden und Lieferausfälle erhöhen Kosten, beeinträchtigen Dienstleistungen und stören den Vertrieb. Nachhaltigkeit ist daher kein zusätzlicher Kostenfaktor neben dem Kerngeschäft, sondern eine Voraussetzung dafür, Gesundheitsversorgung langfristig stabil und widerstandsfähig zu organisieren. Das zeigt auch das Beispiel Fresenius:
„Für Fresenius bedeutet Nachhaltigkeit, Verantwortung für Umwelt, Menschen und eine resiliente Gesundheitsversorgung zu übernehmen. Sie hilft uns, Risiken frühzeitig zu erkennen und die Widerstandsfähigkeit unserer Standorte, Prozesse und Lieferketten kontinuierlich zu stärken. Denn Herausforderungen wie Klimarisiken, Wasserknappheit oder Unterbrechungen in Lieferketten können Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit haben. Nachhaltigkeit leistet damit einen wichtigen Beitrag, um Patienten und Patientinnen auch langfristig verlässlich zu versorgen.“ – Axel Faupel, Head of Sustainability, Fresenius SE & Co. KG, Kunde von Forvis Mazars seit 2020
Innovation braucht Vertrauen
Die strategische Bedeutung von Nachhaltigkeit zeigt sich besonders dort, wo wissenschaftlicher Fortschritt auf gesellschaftliche Erwartungen trifft. Neue Gesundheitslösungen entstehen zwar durch Forschung und Technologie. Ob sie sich langfristig durchsetzen, hängt jedoch ebenso von Vertrauen und Akzeptanz ab.
Deshalb reicht die Nachhaltigkeitsagenda im Healthcare- und Life-Sciences-Sektor weit über Umweltfragen hinaus. Sie umfasst verantwortungsvolle Forschung und Entwicklung, hohe Standards in klinischen Studien, Pharmakovigilanz, den Schutz sensibler Gesundheitsdaten, digitale Ethik, Produktsicherheit, nachhaltige Wertschöpfungsketten und den Zugang zu innovativen Therapien. Wie Unternehmen diese Verbindung von Nachhaltigkeit und Innovation strategisch gestalten, wird etwa bei Merck deutlich:
„Nachhaltigkeit ist für uns kein Compliance-Thema, sondern ein strategischer Hebel für Resilienz und Zukunftsfähigkeit. Als Wissenschafts- und Technologieunternehmen verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz: von der Reduktion unseres ökologischen Fußabdrucks über nachhaltige Wertschöpfungsketten bis zur gesundheitlichen Chancengleichheit. Bis 2030 wollen wir für mehr als 170 Millionen Patienten pro Jahr in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen den Zugang zu unseren Produkten und Dienstleistungen verbessern. Dazu pflegen wir langfristige Partnerschaften.“ – Petra Wicklandt, Chief Sustainability Officer, Merck, Kunde von Forvis Mazars seit 2015
Branchenspezifische ESG-Prioritäten setzen
Nachhaltigkeit wirkt im Gesundheitssektor anders als in vielen anderen Branchen. Klimaschutz, Energieverbrauch und Emissionen bleiben wichtig. Zentrale Werttreiber sind jedoch häufig zusätzlich Versorgungs- und Patientensicherheit, Produktqualität, Forschung, die Verfügbarkeit lebenswichtiger Produkte, resiliente Lieferketten und der verantwortungsvolle Umgang mit Gesundheitsdaten.
Standardisierte ESG-Ansätze greifen daher oft zu kurz. Healthcare- und Life-Sciences-Unternehmen benötigen Strategien, die branchenspezifische Anforderungen mit ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Verantwortung verbinden.
Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) schaffen hierfür einen regulatorischen Rahmen. Aussagekräftig wird die Berichterstattung jedoch erst durch die sektorbezogene Konkretisierung. Unternehmen sollten transparent darstellen, wie sie die für sie relevanten Nachhaltigkeitsthemen in Unternehmenssteuerung und Wertschöpfung integrieren.
Chancen stärker sichtbar machen
Die aktuelle Forvis Mazars CSRD-Analyse1 zeigt: Die Nachhaltigkeitsberichterstattung von DAX- und MDAX-Unternehmen wird reifer, fokussierter und stärker mit Steuerungsmechanismen verknüpft. Die mit Nachhaltigkeit verbundenen Chancen bleiben jedoch oft unterrepräsentiert.
Gerade im Healthcare- und Life-Sciences-Sektor entstehen Chancen dort, wo Nachhaltigkeit eng mit dem Geschäftsmodell verbunden ist: bei höherer Patientensicherheit, besseren Behandlungsergebnissen, stärkerer Therapietreue, verbessertem Zugang zu Leistungen sowie in Forschung und Entwicklung. Auch Kooperationen, Licensing-Modelle und digitale Gesundheitslösungen können Innovationen schneller in die Versorgung bringen. Dazu zählen etwa Telemedizin, digitales Patientenmanagement, elektronische Patientenakten oder KI-gestützte klinische Anwendungen.
Wer diese Zusammenhänge sichtbar macht, stärkt nicht nur die Aussagekraft der Berichterstattung. Unternehmen zeigen zugleich, wie Nachhaltigkeit ihre strategische und wirtschaftliche Entwicklung unterstützt: Risiken werden reduziert und Potenziale besser erschlossen. ESG wird damit vom Berichtsthema zum strategischen Hebel für langfristige Wertschöpfung.
Fazit: ESG strategisch nutzen
Für Healthcare- und Life-Sciences-Unternehmen liegt die größte Chance darin, Nachhaltigkeit in zentrale Unternehmensentscheidungen zu integrieren, von Forschung und Entwicklung über digitale Gesundheitsanwendungen bis hin zu Lieferketten und Kooperationen. So wird ESG zur Grundlage für eine sichere Versorgung, verantwortungsvolle Innovation und langfristigen wirtschaftlichen Erfolg.
1 Die vollständige Analyse mit weiteren Ergebnissen zu CSRD, ESRS, Wesentlichkeit, Prüfung, Vorstandsvergütung und EU-Taxonomie finden Sie hier: CSRD-Analyse 2026 herunterladen
Autor*innen: Carolin Friedrich, Moritz Sckaer, Silke Lipinski, Sebastian Duhe