Spin-offs: Abspaltung als Strategieoption
Der deutsche IPO-Markt hat sich in den vergangenen Jahren eher mäßig entwickelt. Nicht zuletzt mit Blick auf geopolitische Unwägbarkeiten scheint bei klassischen Börsengängen derzeit Zurückhaltung angezeigt. Deutlich mehr Bewegung ist hingegen im Bereich der Abspaltungen zu verzeichnen, bei denen die Anleger*innen der Muttergesellschaft automatisch und anteilig frei handelbare Aktien des Tochterunternehmens erhalten. Spin-offs trotzen der Flaute im deutschen Kapitalmarkt und gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Wie sich mit Abspaltungen im Zuge der unternehmerischen Neupositionierung ein zielführender Erfolgskurs einschlagen lässt, hat beispielhaft die Thyssenkrupp AG gezeigt, die im Oktober 2025 mit ihrer Marinetochter TKMS ein ausgesprochen erfolgreiches Debüt an der Frankfurter Börse feierte. Derzeit will die Kieler Marinewerft Tausende neue Mitarbeiter*innen einstellen, denn das Rüstungsgeschäft boomt vor dem Hintergrund massiv steigender Verteidigungsetats. Davon profitiert auch die Konzernmutter, die als Mehrheitsgesellschafterin bei TKMS weiterhin das Steuer in der Hand hält.
Ebenfalls im vergangenen Herbst brachte Continental seine Autozuliefersparte Aumovio sehr erfolgreich an die Börse. Der Reifenhersteller geht gestärkt aus der Trennung hervor und kann sich nun ganz auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Ob Siemens, BASF, Bayer oder Bosch: Viele der größten deutschen Industriekonzerne haben in den vergangenen Jahren Töchter aufs Börsenparkett geführt oder treiben aktuell Spin-offs voran. Sind Abspaltungen die neuen Börsengänge?
Optionen unvoreingenommen prüfen
„Mit Blick auf die DAX- und MDAX-Gesellschaften kann man hier sicher von einem Trend zu Spin-offs sprechen, denn es werden immer mehr“, sagt Stefan Schmal, Partner beim Prüfungs- und Beratungsunternehmen Forvis Mazars. „Wenn man sich aber die Unternehmenslandschaft jenseits von weltweit agierenden Konzernen anschaut, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Viele Unternehmen im gehobenen, häufig inhabergeführten Mittelstand scheuen das Thema, weil der Abspaltungsprozess und die Vorbereitung des Börsengangs sehr komplex sind.“
Doch statt sich davon vorschnell abschrecken zu lassen, sollten große Mittelständler das Potenzial von strategischen Spin-offs ergebnisoffen evaluieren, rät der Experte. Denn es gibt viele Gründe, Töchter an die Börse zu bringen. So werden verselbstständigte Geschäftseinheiten für spezialisierte Investoren sichtbarer und gewinnen größere Spielräume für eigenständiges unternehmerisches Handeln. Unternehmen können ihr Geschäft neu ausrichten, während Randsparten unbeschwert von Konzernträgheit oder bestehenden Konkurrenzsituationen des Konglomerats agil und unabhängig neue Synergien sowie Finanzierungsquellen erschließen.
Der wachsende Transformationsdruck durch sich verändernde Weltmärkte, Kriege und Konflikte, volatile Lieferketten, neue digitale Technologien oder Mobilitätskonzepte fordert Vorstände und Aufsichtsräte heraus, im Rahmen der Portfolio-Governance bestehende Strukturen zu hinterfragen und Wettbewerbsstrategien vorausschauend anzupassen. Mitunter kann die Ausgründung auch dazu dienen, Finanzkraft zur Stärkung wachsender Sparten im diversifizierten Portfolio zu generieren.
Vorgehen gründlich planen
Der hoch verschuldete Bayer-Konzern etwa überprüft derzeit grundlegend seine Konzernstruktur im Rahmen eines neuen Organisationsmodells. Mit den umfassenden Umbauarbeiten sind die Leverkusener bis auf Weiteres jedoch so beschäftigt, dass große Investoren derzeit eine Verschiebung der geplanten Abspaltung der Sparte für rezeptfreie Medikamente fordern. Wann schafft eine Abspaltung echten Wert – und wann ist sie strategische Kapitulation?
„Wenn die Abspaltung handwerklich unsauber durchgeführt wird, Management-Ressourcen überdehnt werden und Synergiepotenziale verloren gehen, rücken Mehrwerte in weite Ferne“, warnt Schmal. Spin-offs sind keine Selbstläufer, davon zeugen enttäuschende Bewertungen von ab- oder aufgespaltenen Randgeschäften, die vor allem kurzfristigen Kapitalaufnahmezielen des veräußernden Unternehmens dienen, statt als zukunftsfähige Stand-alones tragfähige geschäftliche Perspektiven zu eröffnen.
Entscheidend sei zudem das richtige Timing für den Börsengang, betont der Experte: „Siemens zum Beispiel hat mit dem Energietechnikspezialisten Siemens Energy vor knapp sechs Jahren voll auf den schon starken, aber dynamisch wachsenden Markt für erneuerbare Energien gesetzt und mit diesem Spin-off außerordentliches Gewinnwachstum realisiert.“ Das könnten Mittelständler im Rahmen ihrer Möglichkeiten genauso erreichen.
Unabhängige Expert*innen hinzuziehen
Die Botschaft, dass Abspaltungen sinnvoll sein können, kommt jedoch hierzulande bislang noch zu selten im Mittelstand an. Dabei werden die Herausforderungen in Zukunft für viele Unternehmen so groß werden, dass sich Eigentümer*innen und Vorständ*innen fragen müssen: In welchen Geschäftsbereichen trauen wir uns gleichzeitig Wettbewerb zu? Ist unser Portfolio heute noch richtig aufgestellt, damit wir auch in Zukunft erfolgreich sein können?
Im Zweifel rät Schmal, externe Beratung als eine Art unabhängigen Sparringspartner zu nutzen, um Strategieoptionen neutral zu durchleuchten, abzuwägen und zu prüfen. „Beispielsweise bieten wir Unternehmen an, in Workshops Szenarien des Börsengangs zu besprechen und andere Sichtweisen einzubringen“, sagt er. Je nach Unternehmensgröße und Aufgabenstellung ist es seiner Erfahrung nach sinnvoll, dabei verschiedene Disziplinen wie Finanzen, Recht oder Steuern einzubeziehen. „Expertise zu bündeln, lohnt sich auf jeden Fall – und zahlt auf den Unternehmenserfolg ein“, so Schmal.
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